05.11.2018

Tinnitus — Grundlagen einer sinnvollen Therapie

von Prof. Dr. med. Gerhard Hesse

Viele Menschen klagen über Ohrgeräusche und suchen entsprechende Behandlungsangebote. In diesem Fortbildungsartikel werden die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Tinnitus zusammengefasst und die möglichen Therapieformen beschrieben und bewertet. Was sollten Apotheker über den Tinnitus wissen? Welche Maßnahmen sollten sie primär einleiten?

Junger Mann hält sich vor Schmerzen das rechte Ohr.

© Christin Klose / dpa Themendienst / picture alliance (Symbolbild mit Fotomodell)

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Tinnitus (von lateinisch „tinnire“ = tönen, klingen) ist ein Synonym für Ohrgeräusche bzw. akustische Sensationen, die nicht durch von außen kommende Reize hervorgerufen werden. Diese Töne werden in 90 Prozent der Fälle im Innenohr generiert. Auslöser sind defekte oder überaktive Haarzellen.

In den meisten Fällen werden diese Störgeräusche wie alle unbedeutenden Dauerreize wieder weggefiltert. Wenn jedoch das Ohrgeräusch mit einer besonderen Bedeutung belegt wird und eine Gewöhnung (Habitutation) nicht gelingt, dann kann es zu einem störenden und manchmal auch zu Folgeerscheinungen führenden Beschwerdebild kommen. Eine eigenständige Erkrankung kann sich entwickeln.

Epidemiologische Studien für Europa und die Vereinigten Staaten zeigen, dass ca. ein Viertel aller Menschen bereits einmal Tinnitussensationen erlebt haben. Mehr als zehn Prozent der Menschen hören Tinnitus über einen längeren Zeitraum. Als tatsächlich behandlungsbedürftig gelten aber nur drei bis fünf Prozent. Von diesen ist etwa die Hälfte erheblich belastet [1].

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Die Fortbildung für Apotheker wurde am 13.12.2017 unter der Veranstaltungsnummer BAK/FB/2017/385-10 durch die Bundesapothekerkammer akkreditiert. Die Akkreditierung ist gültig vom 29.10.2018 bis 28.10.2019. Die Punkte verfallen nach Ablauf der Akkreditierung nicht.

Objektiver und subjektiver Tinnitus

Sehr selten kann das Ohrgeräusch auch von Außenstehenden wahrgenommen (auskultiert) werden. In diesem Fällen spricht man von einem objektiven Tinnitus. Dieser entspricht allerdings eher einem gehörten Geräusch des eigenen Körpers. So können Gefäßprozesse oder Stenosen als pulsierendes Ohrgeräusch imponieren, während Muskelkloni, z. B. der Pharynxmuskulatur, als klackendes oder schmatzendes Geräusch wahrgenommen werden.

Wesentlich häufiger ist der subjektive Tinnitus: Dieser ist von außen nicht nachweisbar und wird als Störgeräusch fortgeleitet, auch wenn die eigentliche Wahrnehmung und Belastung durch den Tinnitus erst durch Vernetzung im Kortex entstehen [2, 3, 4].

Die Prävalenz dieser Ohrgeräusche steigt mit dem Lebensalter. Als Hauptrisikofaktoren gelten eine Lärmbelastung und die damit verbundene Schwerhörigkeit sowie Schwerhörigkeiten, die sich aus anderen Ursachen entwickeln. Auch Störungen der Mittelohrfunktion bis zu Verlegungen des Gehörganges durch Ohrenschmalz können Ohrgeräusche hervorrufen (Abb. 1).

Tinnitusursachen in verschiedenen Stationen der Hörbahn

Abb. 1
Tinnitusursachen in verschiedenen Stationen der Hörbahn
Mod. n. [6]

Durch die hohe Zahl betroffener Patienten entstehen erhebliche Kosten für das Gesundheitswesen. Nach einer Studie aus Holland wurden sie allein für dieses Land auf fast sieben Milliarden Euro hochgerechnet [5].

Akuter und chronischer Tinnitus

Für die Behandlung des Ohrgeräusches ist bedeutsam, ob dieses akut und erstmalig auftritt oder länger als drei Monate besteht und damit als chronisch einzuschätzen ist. Tritt ein Ohrgeräusch erstmalig auf und ist, wie in den meisten Fällen, von einer plötzlichen Hörminderung begleitet, so ist es wie eine akute Hörminderung zu behandeln.

Nach den gängigen Leitlinien [6] sollte in diesem Fall eine hoch dosierte Cortisontherapie erfolgen. Dagegen ist beim chronischen, länger als drei Monate bestehenden Ohrgeräusch, unabhängig von der Entstehungsursache, keine kausale, d. h. das Tinnitusgeräusch abschaltende Behandlung, bekannt.

Tinnitus und Schwerhörigkeit

93 Prozent aller Tinnituspatienten haben begleitend (oder auslösend) eine messbare Hörminderung. Dazu klagen mehr als 40 Prozent der Betroffenen gleichzeitig auch über eine bestehende Lautheitsempfindlichkeit (Hyperakusis). Dabei sind die meisten Ohrgeräusche hochfrequent und imponieren als hoher Pfeifton und entsprechen dann praktisch immer einem besonders in den hohen Frequenzen ausgeprägten Hörverlust [7, 8].

Selbst bei akut auftretenden Hörstörungen wird ein Ohrgeräusch häufig erst dann bemerkt, wenn der Hörverlust sich wieder etwas erholt hat oder nach einer gewissen Latenzzeit. Entwickelt sich eine Schwerhörigkeit, so kann ein Tinnitus dann häufig unabhängig von äußeren Einflüssen plötzlich wahrgenommen werden. Meistens wird dies durch emotionale Belastungen oder Stresssituationen getriggert.

Kompensiert — dekompensiert

Wesentlich für die Behandlung des chronischen Tinnitus ist die Frage, ob das Ohrgeräusch kompensiert ist, d. h. nicht zu wesentlichen Beeinträchtigungen führt, oder ob der Tinnitus dekompensiert ist. Wenn der Höreindruck Tinnitus im Gehirn durch plastische Veränderungen und durch Vernetzung in der emotionalen Bewertung und dann auch durch konsekutive Hinwendungsreaktionen verschaltet und verstärkt wird, so verhindert dies eine normale Habituation. Man beginnt unter Tinnitus zu leiden [9], der Tinnitus dekompensiert den Patienten.

Das Symptom dominiert den Betroffenen, beherrscht seine Lebens- und Gestaltungsfähigkeit und schränkt diese mehr oder weniger stark ein [7, 10]. Diese Entwicklung ist völlig unabhängig davon, wo der Tinnitus primär generiert wird (Abb. 2). Der eigentliche Krankheitswert entsteht durch psychosoziale Begleiterscheinungen, die zu manifesten Depressionen oder Angsterkrankungen führen oder sich als Konzentrations- und Schlafstörungen bemerkbar machen können.

Stationen der zentralen Hörbahn

Abb. 2
Stationen der zentralen Hörbahn
Mod. n. [6]

Besonders eine subjektive Überforderung (Distress) wird nach neueren Untersuchungen [11, 12, 13] als ein starker Prädiktor für die Entstehung eines Tinnitus angesehen. Das Ohrgeräusch wird dann plötzlich als eine Spontanerregung der Hörbahn wahrgenommen und als störend empfunden. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass das Ohrgeräusch selbst praktisch nie lauter als etwa 5 dB über der subjektiven Hörschwelle wahrgenommen wird [14]. Auch ist die subjektiv empfundene Lautheit von der (vergleichend gemessenen) tatsächlichen Lautstärke des Ohrgeräusches unabhängig.

Da der Tinnitus so eng mit der Hörwahrnehmung verknüpft ist, sprechen wir auch nicht von einem eigenständigen Krankheitsbild, sondern sehen den Tinnitus als ein Symptom gestörter Hörwahrnehmung und Hörverarbeitung. Die Belastung durch das Ohrgeräusch entsteht durch kortikale Vernetzungen, insbesondere wenn die Hörsensationen mit emotionalen Anteilen verquickt werden und zu einer negativen Bewertung führen. Aus diesen negativen Bewertungen können abhängig vom Schweregrad des Tinnitus ständige Hinwendungsreaktionen und sogar ein negativer Kreislauf entstehen, aus dem potenzielle Komorbiditäten erwachsen (Tab. 1).

Tab. 1

Graduierung des Tinnitusschweregrades. Einteilung nach Biesinger mit dem Tinnitus-Fragebogen (TF) (40-Item-selbsteinschätzendes-Instrument) und der Mini-TQ 12 (12-Item-selbsteinschätzendes Instrument)

  Tinnitusschweregrad TF-Gesamtscore 1 TQ-12-Score 2 Einteilung nach Biesinger 3
Grad 1 leichtgradig 0–30 0–7 Ohrgeräusche, die nur in stiller Umgebung wahrnehmbar sind, kein Leidensdruck.
Grad 2 mittelgradig 31–46 8–12 Ohrgeräusche, die auch bei geringem Außengeräuschpegel wahrnehmbar sind, jedoch durch gewöhnliche Umgebungsgeräusche und Lärm maskiert werden; tritt hauptsächlich bei Stille auf und wirkt störend bei Stress und Belastungen.
Grad 3 schwergradig 47–59 13–18 Der Tinnitus stört unabhängig vom Pegel irgendwelcher Außengeräusche, d.h. er ist praktisch nicht überdeckbar; führt zu dauernder Beeinträchtigung im privaten und beruflichen Bereich, Instrument einer Sekundärsymptomatik im emotionalen kognitiven und körperlichen Bereich.
Grad 4 schwerstgradig 60–84 19–24 Der Tinnitus führt zur völligen Dekompensation im privaten Bereich bis hin zur Berufsunfähigkeit.

1 Normquartile des Tinnitus-Fragebogens (TF; nach [15]); 2 Normquartile des Mini-Tinnitus-Fragebogens (TQ-12; nach [16]); 3 Normquartile der Einteilung nach [17]

Insofern ist dann ein derart dekompensierter Tinnitus ein komplexes Krankheitsbild, was auch erklärt, dass rein mechanistische, den Tinnitus abschaltende Therapiemodelle wenig greifen, eben weil die Tinnituswahrnehmung als ein psychosomatisches Symptom zu deuten ist.

Interessant ist, dass das Ohrgeräusch auch dann häufig mit einem Hörverlust einhergeht, wenn dieser dem Betroffenen gar nicht bewusst wird. Häufig kommt erst im Verlauf der wegen des Tinnitus eingeleiteten diagnostischen Maßnahmen heraus, dass die eigentliche Ursache eine Schwerhörigkeit ist. Dies gilt für mehr als die Hälfte der Patienten unserer eigenen Tinnitusambulanz [18, 19]. Als primäre Ursache wird dann ein Funktionsausfall von zumeist äußeren Haarzellen des Innenohres angesehen [20], während die tatsächliche Tinnituswahrnehmung durch kortikale Verstärkungsreaktionen und Bahnungen entsteht.

Daraus folgt, dass der Tinnitus praktisch immer in der Frequenz des größten Hörverlustes liegt. Dabei greifen Verstärkungsmechanismen, wenn der auditorische Kortex durch fehlende Frequenzen nicht ausreichend stimuliert wird oder dem akustischen Gedächtnis Frequenzen fehlen. Bedingt durch diese Schwerhörigkeit werden dann zuerst die Eckfrequenzen verstärkt und besonders die hemmenden Bahnen in der Hörbahn für diesen Frequenzbereich heruntergefahren.

Hyperakusis

Besonders normalhörende Tinnituspatienten leiden häufig unter einer gesteigerten Form der Geräuschüberempfindlichkeit, der Hyperakusis. Dabei werden praktisch alle von außen kommenden Geräusche als zu laut empfunden. Auch nicht sehr laute akustische Sensationen führen zu vegetativen Reaktionen wie Schweißausbrüchen, Herzjagen, Schmerzen (im Ohr) oder Tinnitusverstärkungen.

Die Hyperakusis entspricht im weitesten Sinne einer Angsterkrankung. Sie führt zu Vermeidungsreaktionen, die wiederum die Empfindlichkeit erhöhen. Abzugrenzen ist die Hyperakusis von der Geräuschempfindlichkeit bei Innenohrschwerhörigkeit, dem Recruitment, und der primär psychisch bedingten Phonophobie, bei der in der Regel nur bestimmte, negativ besetzte oder emotional gekoppelte Geräusche aversiv empfunden werden. Das Recruitment ist bedingt durch eine mangelhafte Funktion der äußeren Haarzellen des Innenohrs, die eben nicht mehr verstärken, aber auch nicht abschwächen können. Alle diese Formen der Geräuschüberempfindlichkeit können nur durch Training und Exposition behandelt werden — mit sehr gutem Erfolg und guter Prognose [21, 22].

Diagnostik bei Tinnitus

Zunächst muss man bei Tinnituspatienten die Hörfunktion bestimmen. Die hausärztliche Untersuchung hat daher mehr eine Screening-Funktion, aber dennoch können bereits wichtige Fragen geklärt werden.

Ohrinspektion: Gibt es Entzündungszeichen (Gehörgang, Mittelohr), sind die Gehörgänge frei oder mit Zerumen verlegt?

Gehörgangssäuberung: evtl. mit handelsüblichen Sprays oder öligen Lösungen durchführen. Cave: Vor Spülungen des Gehörgangs bei obturierendem Ohrenschmalz ist wegen der Verletzungsgefahr des Trommelfells abzuraten!

Orientierende Hörprüfung: Stimmgabelproben nach Weber und Rinne zum Ausschluss einer Mittelohrbeteiligung.

Auskultation des Ohres und der A. carotis: Dies ist insbesondere bei pulssynchronem Ohrgeräusch wichtig, das auf Gefäßfehlbildungen oder -neubildungen (Aneurysma, Angiom) hinweist.

Im Übrigen sollte die schnelle Überweisung zum Facharzt erfolgen, um dort die leitliniengestützte Diagnostik zu ermöglichen [23].

Leitliniengestützte Diagnostik von Tinnitus

  • Tonschwellenaudiometrie
  • Tympanometrie mit Bestimmung der Stapediusreflexe
  • otoakustische Emissionsmessung zur objektiven Funktionsprüfung der Haarzellen des Innenohres (TEOAE und DPOAE)
  • Bestimmung von Tinnitusfrequenz und -lautheit als vergleichende Messung mit Sinustönen und Schmalbandrauschen
  • Bestimmung der Unbehaglichkeitsschwellen
  • eventuell Hirnstammaudiometrie (elektrisch evozierte Potenziale — BERA), besonders bei einseitigen Befunden
  • orientierende Gleichgewichtsprüfung bei evtl. begleitendem Schwindel und
  • bei Auffälligkeit oder Verdachtsmomenten weitere röntgenologische Untersuchungen: CT des Schädels oder kernspintomografische Diagnostik zum Ausschluss von Tumoren des Hörnerven (Vestibularisschwannom).

Psychologische Diagnostik

Besteht eine hohe Belastung durch den Tinnitus, sollte auch eine psychosomatische oder psychologische Diagnostik und Mitbeurteilung der Tinnitusbelastung und Komorbidität erfolgen. Hierzu stehen hinreichend validierte Fragebögen zur Verfügung wie der

  • Tinnitusfragebogen nach Goebel und Hiller (TF) sowie
  • die Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS) zur Erfassung von Ängsten und Depression.

 

Untersuchung von Kopf und Hals

Deutlich in ihrer Aussagekraft überschätzt werden Untersuchungen des Kauorgans und der Halswirbelsäule (HWS) [24], die zwar orientierend erfolgen können, aber häufig den Patienten fehlleiten. Sehr oft werden zwar Veränderungen gefunden, diese haben aber zumeist keine Relevanz für die Tinnitusgenese oder gar die Hörstörung. Sie können jedoch zu einer langwierigen orthopädischen oder kieferchirurgischen und oftmals überflüssigen Therapie führen.

Zu achten ist lediglich auf eine deutliche Beeinflussbarkeit des Ohrgeräusches durch Kopf- oder Kieferbewegungen. Diese können die Tinnitusbelastung unterstützen, sie aber in der Regel nicht hervorrufen.

Merke: Pathologische Veränderungen am Kiefergelenk oder der HWS sind sehr häufig, aber haben nur in sehr seltenen Fällen einen direkten Bezug zum Tinnitus und sind niemals für eine akute oder chronische Hörminderung verantwortlich. Vereinzelt kann durch eine osteopathische oder krankengymnastische Behandlung ein Tinnitus beeinflusst oder gelindert werden, allerdings nur, wenn dieser sich primär durch Kopf- oder Halsbewegungen verändert.

Therapiestrategien

Die Therapie des akuten Tinnitus

Kortikoide: Nur im Akut-Stadium, d. h. wenn plötzlich ein Ohrgeräusch in Kombination mit einem akuten Hörverlust auftritt, ist eine kausale und dann auch medikamentöse Therapie sinnvoll. Diese erfolgt in Anlehnung an die Leitlinie Hörsturz [6, 25] durch eine hoch dosierte Cortisontherapie, entweder systemisch oder intratympanal, d. h. direkt ins Mittelohr appliziert. Die Wirksamkeit dieser Hochdosistherapie bei akuten Hörstörungen wird z. Zt. in einer Multicenterstudie (HODOCORT-Studie) wissenschaftlich evaluiert [26].

Bei akut auftretendem Tinnitus mit komplett normalem Hörvermögen ist dagegen mehr an eine Überreizung zu denken. Hier sollte keine Cortisontherapie erfolgen, da durch eine hoch dosierte Steroidbehandlung der Erregungslevel eher gesteigert wird und zusätzliche Schlafstörungen entstehen können. Eine niedrig dosierte Steroidbehandlung wirkt bei der akuten Hörminderung (und damit beim akuten Tinnitus) nicht besser als Placebo und ist daher nicht sinnvoll [27, 28].

Eine plötzliche Verschlechterung eines schon länger bestehenden Ohrgeräusches, eine Exazerbation, ist kein neu aufgetretener, akuter Tinnitus und sollte ebenfalls nicht mit Cortison behandelt werden. Derartige Verschlechterungen sind reine Wahrnehmungsphänomene, die z. B. durch eine Stressreaktion hervorgerufen werden können [29].

Merke: Bei akut auftretenden Ohrgeräuschen mit begleitendem Hörverlust sollte wie bei einem Hörsturz behandelt werden, auch wenn der Hörverlust nicht sehr ausgeprägt ist. Als Therapie bietet sich eine hoch dosierte Cortisontherapie an — so lange keine Kontraindikation hierzu besteht.

Durchblutungsfördernde Mittel: Durchblutungsfördernde Medikamente, die bis vor wenigen Jahren noch als Standard der Tinnitusbehandlung galten, sind heutzutage obsolet, obwohl sie teilweise sogar noch eine Zulassung zur Behandlung der Schwerhörigkeit und des Hörsturzes haben. Auch Ginkgo-Spezialextrakte in jedweder Konzentration und Dosierung sind zwar für die „adjuvante Therapie bei Tinnitus vaskulärer und involutiver Genese“ zugelassen (Rote Liste), was diese Ursache jedoch tatsächlich bedeuten soll, bleibt unklar. Bislang konnten keine wissenschaftlichen Belege für die Wirkung von Ginkgo-Präparaten vorgelegt werden.

Die Therapie des chronischen Tinnitus

Die Behandlungsbedürftigkeit bei chronischem Tinnitus wird im Wesentlichen durch die mit dem Tinnitus assoziierten oder durch diesen hervorgerufene Begleiterscheinungen dominiert. Dabei ist der Leidensdruck individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt, vor allen Dingen korreliert er weder mit der Tinnitus-Frequenz noch mit der Tinnitus-Lautstärke [30, 31].

Der Leidensdruck, der durch den Tinnitus besteht und der wesentlich geprägt wird durch die Begleitsymptome und Begleiterkrankungen wie Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Depressions- und Angsterkrankungen, ist therapeutischem Handeln sehr gut zugänglich. Insofern sind auch medikamentöse Behandlungsansätze nur dann sinnvoll, wenn sie diese Begleitsymptome im Fokus haben. Ein Beispiel ist die Verabreichung antidepressiver Medikamente, wenn der Tinnitus zu Depressionen geführt hat. Stark abzuraten ist jedoch von Benzodiazepinen (hohes Abhängigkeitspotenzial) und allen gängigen „Durchblutungsmitteln“.

Leider sind, besonders wegen des z. T. hohen Leidensdrucks der Patienten und des Bestrebens, den Tinnitus mit allen Mitteln abzuschalten, sehr viele unseriöse Therapieverfahren auf dem Markt. Das gilt auch für therapeutische Ansätze, die bislang zwar erforscht wurden, aber niemals den Nachweis einer tatsächlichen Wirkung erbringen konnten. Dazu gehören sowohl sogenannte neuromodulative Verfahren wie die transkranielle Magnetstimulation, die Vagusstimulation, die Elektrostimulation — sowohl extrakraniell als auch intrakraniell — als auch alle Sound-Therapien und musiktherapeutischen Ansätze — es sei denn, die Musiktherapie ist Bestandteil einer multimodalen Behandlung [32].

Gerade diese „Musiktherapien“ werden neuerdings über Apps werbewirksam angeboten und vollmundig beworben. All diesen Therapien ist gemeinsam, dass sie in placebokontrollierten Studien [33] nicht besser wirken als eben eine Placebobehandlung [34]. In den entsprechenden Leitlinien werden diese Therapieansätze daher nicht empfohlen [23, 35].

 

Therapien bei chronischem Tinnitus

Hörgeräte und Cochlea-Implantate

Sinnvolle Tinnitustherapien versuchen, den bestehenden und begleitenden Hörverlust bei Tinnitus auszugleichen und damit den auditorischen Kortex wieder zu stimulieren. Abb. 3 zeigt den Hörbefund einer Patientin, die primär wegen eines hochfrequenten und sehr belastenden Tinnitus in die Behandlung kam. Letztlich aber war der ausgeprägte beidseitige Hörverlust Ursache der Stressbelastung und des damit verbunden sozialen Rückzugs, der wiederum depressiv verarbeitet wurde. Allein durch die Hörgeräteversorgung konnte eine deutliche Verbesserung erreicht werden. Die Belastung durch den Tinnitus sank.

Tinnitus Abb 3

Hörgeräte haben eine wichtige Funktion in der Tinnitusbehandlung, wenn — wie in den meisten Fällen — eine begleitende Schwerhörigkeit vorliegt. Bei der natürlich wesentlich seltener bestehenden ein- oder beidseitigen Ertaubung kann durch Cochlea-Implantate (CI) die Tinnitusbelastung in der Regel mit recht gutem Erfolg gesenkt werden. Dies belegen gute wissenschaftliche Studien [36, 37, 38, 39, 40]. Selbst für einseitig ertaubte Tinnituspatienten konnte durch eine Cochlea-Versorgung ein positiver Effekt bezüglich des Ohrgeräusches nachgewiesen werden [41, 42].

Auf der organischen Seite wird dann, begleitet durch eine entsprechende Hörtherapie [43], gelernt, den Tinnitus durch spezielle Übungen wegzufiltern bzw. wieder überhören zu können.

Hilfreiche Psychotherapie

Gut belegt ist die Wirksamkeit von Elementen der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) bei chronischem Tinnitus. Die therapeutischen Ansätze zielen auf eine Verbesserung der Verarbeitung und Bewältigung von Ohrgeräuschen ab bei gleichzeitiger Verbesserung der Stressverarbeitung und der Behandlung komorbider Symptome wie Ängste, Depressionen und Schlafstörungen [23, 44, 45].

Der Tinnitus ist an sich keine psychische oder psychosomatische Erkrankung, wohl aber können dem Umstand, dass manche Patienten unter ihrem Tinnitus leiden, psychische Prozesse zugrunde liegen. Deswegen sind schon frühzeitig psychosomatische und psychotherapeutische Interventionen indiziert, die in der Regel Verständnis für das subjektive Erleben vermitteln und entängstigen.

Lerntheoretische Ansätze und Modelle wie die KVT sind gut geeignet, die Faktoren zu beschreiben, die den einmal in die Wahrnehmung getretenen Tinnitus zum Leiden werden lassen können und zu analysieren, was das Leiden aufrechterhält. Sie konzentrieren sich auf die Verbesserung der Bewältigungsfertigkeiten durch eine Entkatastrophisierung der Tinnitussymptomatik, die bewusste Aufmerksamkeitsumlenkung und den Erwerb von Copingfähigkeit (Ablenkung, positive Selbstverbalisierung). Ziele sind eine Unterstützung des Habituationsprozesses, eine Verringerung der psychischen Problematik, eine Erhöhung der Tinnitusakzeptanz und nicht zuletzt die Erarbeitung einer positiven Alternative („Refraiming“).

Einschränkend muss allerdings gesagt werden, dass es häufig nur sehr schwer gelingt, für Tinnituspatienten entsprechend geeignete ambulante Therapieplätze zu bekommen, sowohl für KVT als auch für andere psychodynamische Verfahren.

Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT)

Das ursprünglich von Jastreboff und Hazell entwickelte Tinnitus-Retraining-Konzept (TRT) nach dem sogenannten „neurophysiologischen Modell“ [52, 53, 54] ist in den letzten Jahren erfolgreich modifiziert worden und besteht heute aus einer Kombination von Aufklärung und Beratung (Conselling), auditorischer Stimulation durch Masker („Noiser“) oder Hörgeräte und Unterstützung der Tinnitusumbewertung durch kognitiv verhaltenstherapeutische oder psychodynamische Behandlungsansätze. Die TRT allein (d. h. ohne begleitende verhaltenstherapeutische Behandlung) konnte bislang in entsprechenden Metaanalysen nicht eindeutig den Nachweis einer Wirksamkeit belegen [55].

Multimodale (ambulante oder stationäre) Tinnitustherapien

Daher haben sich zunehmend multimodale Therapieansätze und Programme durchgesetzt, die Elemente des Retrainings mit auditorischer Stimulation und psychotherapeutischen Interventionen kombinieren. Hierdurch kann sich die Lebensqualität deutlich verbessern und der Tinnitus-Schwergrad und die Belastung durch das Ohrgeräusch werden deutlich reduziert [56, 57, 58, 59].

Interessenskonflikt

Der Autor erklärt, dass er sich bei der Erstellung des Beitrages von keinen wirtschaftlichen Interessen leiten ließ. Er legt folgende potenzielle Interessenkonflikte offen: keine.

Der Verlag erklärt, dass die inhaltliche Qualität des Beitrags von zwei unabhängigen Gutachtern geprüft wurde. Der Verlag garantiert, dass die CME-Fortbildung sowie die CME-Fragen frei sind von werblichen Aussagen und keinerlei Produktempfehlungen enthalten. Dies gilt insbesondere für Präparate, die zur Therapie des dargestellten Krankheitsbildes geeignet sind.

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. med. Gerhard Hesse
Tinnitus-Klinik am Krankenhaus Bad Arolsen
Universität Witten-Herdecke

Erstpublikation

MMW – Fortschritte der Medizin
Ausgabe Sonderheft 02/2017
DOI 10.1007/s15006-017-9593-6

Hier finden Sie die Literatur zum CME-Artikel.


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