16.07.2018

Potenziale der Apotheke 4.0 bleiben unausgeschöpft

von Karsten Glied

Mit Einzug des digitalen Wandels könnten Apotheken Patienten umfassender versorgen und Fachkräfte entlasten. Doch die tatsächliche Umsetzung der digitalen Strategien nehmen nur wenige Apotheken in Angriff. Daher ist es umso wichtiger, deren Potenziale zeitnah zu erkennen und auszuschöpfen.

Zwei Apotheker am PC

© contrastwerkstatt / stock.adobe.com

Digitalisierungsstand deutscher Apotheken

In der Regel beliefern niedergelassene Apotheken Einrichtungen der Sozialbranche wie etwa Pflegeheime mit Medikamenten. Dazu haben Apotheken bereits Einblick in die Pflegedokumentation der Bewohner, um die Lieferungen auch kurzfristig ihren Bedürfnissen anzupassen. Anschließend erfolgt die Lagerung im Bestand innerhalb einer Einrichtung. Allerdings hat nur das Pflegepersonal Zugriff auf die Arzneien zur Medikamentenvergabe, die mehrmals täglich herausgegeben werden – dies kostet im Arbeitsalltag viel Zeit.

Bisherige analoge Abläufe etwa bei Bestell- und Liefervorgängen ziehen in der Regel einen erhöhten administrativen Aufwand mit sich, denn die Aufnahme und Verarbeitung von Daten erfolgt zumeist noch per Hand. Seitens der Apotheken besteht hier enormes digitales Potenzial.

Der Umstellung auf elektronische Prozesse nehmen sich häufig geschäftsführende Apotheker neben ihrer alltäglichen Arbeit an. Doch Achtung: Aufgrund mangelnder Zeit und fehlender Fachkenntnisse sollte die Implementierung digitaler Systeme nicht unvollständig erfolgen. Im Zweifel sollten Apotheker IT-Experten hinzuziehen, die für die Umsetzung der Projekte verantwortlich sind.

 

Fachkräftemangel erschwert Versorgung

Immer mehr Pflegekräfte beklagen die unhaltbaren Zustände in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Die Diagnose: völlige Überlastung. Im Zuge des digitalen Wandels ergeben sich Möglichkeiten, dem Mangel entgegenzuwirken. Eine wichtige Schnittstelle, während sich ein Patient beispielsweise in einem Krankenhaus oder einer Pflegeeinrichtung aufhält, ist die Apotheke.

Hier besteht bereits mithilfe einer schlüssigen Dokumentation das Potenzial, Fachkräfte zu entlasten. Konkrete Informationen zu einem Patienten, die den Apotheken zur Verfügung stehen, erleichtern beispielsweise das Medikamentenmanagement und ermöglichen vorrausschauende Lieferprozesse. Das haben bereits 95 Prozent der Apotheken wahrgenommen und erkennen das Potenzial der Digitalisierung für den laufenden Betrieb.1 Trotzdem findet der Informationsaustausch vielerorts noch auf dem Papier, beispielsweise via Fax, statt. Dabei stehen Technologien zur Effizienzsteigerung von Arbeitsabläufen innerhalb der Sozialbranche schon lange zur Verfügung.

 

Mit dem Trend gehen

Aktuelle technische Standards, wie sie bereits im Einzelhandel oder in der Industrie auftauchen, fehlen vielerorts noch in der Gesundheitsbranche. Dazu gehören WLAN, maschinenlesbare Datenverarbeitung und intelligente Warenwirtschaftssysteme. Gerade einmal 28 Prozent der deutschen Apotheken können digitale Maßnahmen vorweisen.2 Dabei gibt es verschiedene Optimierungsmöglichkeiten, die Vorteile sowohl für das Ladengeschäft als auch für die Warenlieferung bringen.

Im Zuge der Apotheke 4.0 könnte die digitale Sichtwahl integriert werden, wodurch aufwendiges Auffüllen von Regalen entfällt. Große Bildschirme zeigen eine Vielzahl an Produkten, aus denen ein Kunde wählen kann.

Mithilfe von Blistering werden Pflegekräfte bei der zeitaufwändigen Ausgabe der Arzneimittel entlastet. Dieser Arbeitsschritt könnte bereits in einer Apotheke stattfinden. Um die Unterstützung effektiv umzusetzen, ist es für Apotheken unumgänglich, auf Patientendaten zuzugreifen. Voraussetzung dafür: elektronische Kommunikationswege sowie Interoperabilität der Systeme vonseiten einer Pflegeeinrichtung sowie einer Apotheke, die sich im Hintergrund vernetzen.

 

Apotheke 4.0: reine Zukunftsmusik?

Neueste verbraucherfreundliche Technologien halten nach und nach Einzug in die Sozialbranche. Dazu gehören die digitale Patientenakte, die Telemedizin und vielleicht auch irgendwann das E-Rezept. Sprechstunden sollen zukünftig und unter besonderen Umständen auch aus der Ferne durchgeführt werden. Ärzte könnten Patienten dann ein elektronisches Rezept ausstellen, das sich im Onlineshop einer Apotheke einlösen lässt. Anschließend kann das Medikament abgeholt oder per Lieferung zugestellt werden. Hierbei wird deutlich: Innerhalb der Branche entstehen zahlreiche Potenziale.

Apotheken müssen sich nun der Frage stellen, wie sie diese nutzen können, um auch mit Konkurrenten wie Onlineanbietern mitzuhalten. Als Grundlagen zur Implementierung digitaler Prozesse empfiehlt es sich, auf Systeme mit offenen Schnittstellen zurückzugreifen. Die Bundesregierung ist hier in der Pflicht, die Interoperabilität von verschiedenen Programmen sicherzustellen, sodass die Übermittlung von Informationen nicht an komplizierten Schnittstellen scheitert – das führt zu einer effektiven und nachhaltigen Zusammenarbeit verschiedener Sektoren der Sozialbranche.

Mit der digitalen Transformation in Apotheken ergeben sich neue Möglichkeiten – nicht nur die Versorgung von Kunden lässt sich verbessern, auch die Angebotspalette wird erweitert. Entscheidend ist jedoch, dass Apotheken sich dem digitalen Wandel öffnen, um der Flut an Patientendaten gerecht zu werden und gleichzeitig die individuellen Bedürfnisse der Kunden zu erfüllen.

Damit Apotheken wettbewerbsfähig bleiben, sollten sie keine falsche Scheu vor Veränderungen haben. Denn es gilt, Maßnahmen zu ergreifen, die das Angebot erweitern und Vorteile des digitalen Wandels ausschöpfen. So profitieren auch Apotheken von der Digitalisierung, da auch sie entlastet werden und zugleich eine bessere Versorgung sicherstellen können.

Über den Autor

Karsten Glied ist Dipl.-Betriebswirt und hat sich mit seinem IT-Unternehmen Techniklotsen auf die Sozial-und Gesundheitswirtschafts spezialisiert.

www.techniklotsen.de

1 Apotheken Report 2017 https://apothekenreport.aliud.de/
2 Apotheken Report 2017 https://apothekenreport.aliud.de/


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