28.08.2018

Per Klick zum Medikament

von Prof. Dr. Hendrik Schröder und Apothekerin Semra Ersöz

Der Siegeszug von Smartphone und Tablet war auch einer der mobilen Apps: Sie sind mittlerweile eine feste Größe im digitalen Alltag – auch in dem vieler Apotheken. Diese nutzen Apps seit Jahren letztlich mit dem Ziel, ihre Kunden enger an sich zu binden. Die Forschungsstelle für Apothekenwirtschaft am Lehrstuhl für Marketing & Handel der Universität Duisburg-Essen beschäftigt sich kontinuierlich mit dem Thema Apotheken-Apps. Dort gehen die Experten nicht nur der Frage nach, wie sich die Landschaft der Apotheken-Apps verändert, sondern haben sich aktuell auch damit beschäftigt, welche Funktionen die diversen digitalen Helfer auszeichnen.

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Sie könnte Apotheken-Apps Aufwind verleihen: die jüngst in Kraft getretene Europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Verpflichtet sie doch die Apotheken, ihren Datenschutz auf professionelle Beine zu stellen und kontinuierlich im Blick zu behalten. Dies wiederum hat durchaus weitreichende Auswirkungen auf die digitale Kundenansprache.

So haben bis zum Mai 2018 viele Apotheken WhatsApp oder andere Instant-Messenger genutzt, um ihren Kunden die Bestellung von Arzneimitteln zu ermöglichen. Für all jene Vorgänge, die sich über geeignete Instant-Messenger abwickeln ließen, war deshalb keine Apotheken-App nötig. Mit dem am 25. Mai 2018 in Kraft getretenen neuen Bundesdatenschutzgesetz (BDSG-neu), das die DSGVO umsetzt, dürfte dieser Weg der Kommunikation und Bestellung allerdings versperrt oder mit sehr hohen Hürden belegt sein: Etliche Juristen raten davon ab, Instant-Messenger für die Bestellung von Arzneimitteln einzusetzen. Dies wiederum könnte die Verbreitung von Apotheken-Apps beschleunigen.

Individuell oder von der Stange?

Zunächst ein kurzer Exkurs zu Apotheken-Apps: Wir unterscheiden Apps von einzelnen Apothekeninhabern, von Apothekenkooperationen, Online-Apotheken und von Drittanbietern mit Verbindungen zu Apotheken, wie z. B. Verlage oder Anbieter von Hard- und Software. Dieser Beitrag geht auf Apps ein, die für Vor-Ort-Apotheken entwickelt worden sind.

Kostenfrage-- Zahlreiche Einzelapotheken sowie Hauptapotheken mit maximal drei Filialapotheken haben nach wie vor eine App, die auf der App eines Drittanbieters, insbesondere des Wort & Bild Verlags, aufsetzt oder selbst entwickelt worden ist. Soweit eigene Ideen und Vorstellungen zu den Funktionen der App umgesetzt werden sollen, sind diese Apotheken auf die Unterstützung Dritter oder die Beauftragung eines Entwicklers angewiesen. Jeder Apotheker wird für sich entscheiden müssen, ob die Standardlösung eines Drittanbieters seinen Ansprüchen genügt oder ob er die individuelle Lösung seiner App finanzieren will.

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Apotheken-Apps könnten von der DSGVO profitieren.

Blick auf die Entwicklung

Apps von Kooperationen

Mit den Apps der Bienen-Apotheken und der Lea-Apotheken hatten wir 2015 zwei Apothekenkooperationen untersucht. Die Apps dieser beiden recht kleinen Kooperationen, wenn man die Anzahl der Mitglieder als Maßstab für die Größe nimmt, sind nicht mehr funktionstüchtig. Eine zu geringe Akzeptanz bei den Kunden sowie die Kostenbelastung dürften die Gründe für die Aufgabe der Apps sein.

Dagegen sind 2018 mit den Apps von Alphega und Linda nun die größten Apothekenkooperationen vertreten. 2015 gab es zwar bereits orderLinda. Diese App stammte allerdings nicht von der Apothekenkooperation selbst, sondern sie basierte auf der App Ordermed. Beide Apps – orderLinda und Ordermed – waren identisch. Über die App orderLinda gelangte man ausschließlich zu Linda-Apotheken, über die App Ordermed auch zu anderen Apotheken.

Größenvorteil-- Wie lässt sich diese Entwicklung bei den Kooperationen erklären? Größere Apothekenkooperationen können bei der Erstellung von Leistungen Economies-of-scale-Effekte, insbesondere Größenvorteile, realisieren und von einer größeren Reichweite, gemessen an der Anzahl an Mitgliedern (Apotheken) und Kunden, profitieren. Zudem eignen sich Apotheken-Apps, um die Kooperationsmarke zu unterstützen, nämlich ihren Bekanntheitsgrad zu erhöhen sowie das Leistungsspektrum zu kommunizieren. Insoweit wird es interessant sein zu sehen, wie sich die App der Kooperation Maxmo bewährt, der knapp 30 Apotheken angehören.

Tab. 1: Download-Zahlen aus dem Google Play Store für ausgewählte Apotheken-Apps

App

Anbieter

verfügbar seit

Downloads im Google Play Store

Apotheke vor Ort

Wort & Bild Verlag

2011

500  000 +

ApothekenApp

Deutscher Apotheker Verlag

2012

50  000 +

CallMyApo

VSA

2013

10  000 +

Meine Apotheke

Pharmatechnik

2014

5000 +

Apotheke Unterwegs

Com Value

2012

5000 +

vimedi

Noventi Digital

2018

1000 +

Rezeptdirekt

ARZ Service

2017

1000 +

apojet

ARZ

2018

500 +

deine Apotheke

ADG

2017

500 +

meinMaxmo

Maxmo Apotheken

2018

500 +

Valeo

Valeo AI

2017

100 +

Apozept

Com Value

2017

100 +

Alphega Apotheken

Alphega

2018

100 +

Linda

Linda Apotheken

2017

50 +

Stand Mai 2018

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Apps von Drittanbietern

Zu bemerkenswerten Veränderungen ist es auch bei den Drittanbietern gekommen. Ordermed als Marke ist verschwunden, die App soll künftig unter Vitabook auftreten, was im Juni 2018 aber noch nicht zu beobachten ist. Apotheke vor Ort ist, gemessen an den Downloadzahlen, wie 2015 klarer Marktführer, mit deutlichem Abstand vor ApothekenApp. Zu der letzten Erhebung hatten wir geschrieben : „Bei dieser Marktstruktur dürfte es neuen Anbietern schwerfallen, neue Nutzer auf sich zu ziehen; dies gelänge allenfalls mit revolutionären Neuerungen.“

Neuzugänge bei den Apps

Seit dem vergangenen Jahr haben einige Anbieter neue Apotheken-Apps in die Stores gebracht, wie z. B. apojet, Apozept, Deine Apotheke, RezeptDirekt und valeo. Soweit die Anbieter solche Apps nicht als Abrundung ihres Leistungsspektrums und somit unter Imageaspekten betrachten, ist es fraglich, ob sie eine genügend große Nachfrage bei den Apotheken erzielen, um einen wirtschaftlichen Erfolg zu verzeichnen. Denn Drittanbieter erzielen Umsätze über den Verkauf ihrer Leistungen an die Apotheken, nicht über die Downloads der Apothekenkunden.

Die Download-Zahlen aus dem Google Play Store – der App Store von Apple weist keine Download-Zahlen aus – zeigen für die Apps des Wort & Bild Verlags und des Deutschen Apotheker Verlags die mit Abstand höchsten Werte; diese Apps sind zudem deutlich länger am Markt als die Apps der anderen Anbieter (Tab. 1).

Apps in der Übersicht

Die detaillierte Tabelle zu den ausgewählten Apotheken-Apps finden Sie hier zum kostenlosen Download.

Neun Apps unter der Lupe

Wir betrachten drei Apps von Apothekenkooperationen und sechs Apps von Drittanbietern etwas näher (Tab. 2). Zu diesem Zweck richten wir den Fokus auf die Funktionen der Apps.

Vielfalt der Funktionen

In einer Maximalversion kann eine App über sehr viele Funktionen verfügen, von der Apotheken-Suche über das Einlösen und Versenden von Rezepten, das Therapiemanagement, unterschiedliche Formen der Kontaktaufnahme bis hin zu Online-Shops und Angeboten einzelner Apotheken.

Die Apps von meinMaxmo, RezeptDirekt und vimedi haben sich jeweils auf einen Funktionsbereich spezialisiert: Bei meinMaxmo steht eine elektronische Kundenkarte mit Vorteilscoupons und Punktesammelfunktion im Vordergrund, bei RezeptDirekt die Bestellung von Rezepten und bei vimedi die sichere Medikamenteneinnahme.

Wer bietet was?

Sehen wir uns die einzelnen Funktionen an: die Apothekensuche, das Einlösen von Rezepten, die Unterstützung beim Therapiemanagement sowie den Online-Shop.

Apothekensuche-- Gesucht werden kann eine Apotheke über eine Liste, eine Suchleiste, mit einem Ortungsdienst in einer Karte sowie durch die Eingabe eines QR- oder Apothekencodes. Alphega Apotheken und ApothekenApp haben zusätzlich eine Filterfunktion, mit der die Nutzer Apotheken nach deren Serviceangebot aussuchen können.

Rezepteinlösung-- Soweit über die Apps Rezepte eingelöst werden können, ist dies immer durch das Abfotografieren des Rezeptes möglich. Das Rezept kann teilweise auch als Text- oder als Sprachnachricht (nur CallMyApo) eingegeben werden. Versenden lassen sich Rezepte direkt über die App, als E-Mail über den E-Mail-Client oder als Nachricht in einem separaten Chatfenster.

Therapiemanagement-- Dazu zählen z. B. die Erinnerung an die Medikamenteneinnahme mit Klingelton, ein Medikationsplan zur Übersicht und die Vorratsüberwachung mit Erinnerung an den nächsten Bestellzeitpunkt. Solche Funktionen bieten nur drei Apps an: Alphega Apotheken, ApothekenApp und vimedi. Auch andere Funktionen werden nur von wenigen Apps angeboten, so etwa der Wechselwirkungscheck, die Artikelsuche sowie ein Beratungs-Chat, mit dem sich die Kunden über eine Textunterhaltung von ihrer Apotheke beraten lassen können.

Online-Shops-- Sie sind entweder in der App erreichbar oder öffnen sich durch eine Weiterleitung im Internetbrowser. Aktuelle Angebote der Apotheken werden entweder im Shop als Kategorie angezeigt, oder es ist über einen Button ein Angebotsflyer abrufbar.

Untersuchungsergebnisse

Die Ergebnisse resultieren aus einer Erhebung im Mai 2018. Im Hinblick auf die Entwicklung bei den Apotheken-Apps haben die Autoren die aktuellen Ergebnisse mit einer Erhebung im Oktober 2015 verglichen.

Fazit

Einige Apps bieten ein recht umfangreiches Spektrum an Funktionen an, sie können als Generalisten bezeichnet werden, andere konzentrieren sich auf bestimmte Funktionen, sie sind Spezialisten. Darüber hinaus gibt es Funktionen, die einige Apps haben, andere dagegen nicht.

Ein Kunde, der eine Apotheken-App herunterladen und nutzen möchte, sollte daher wissen, welche Funktionen es grundsätzlich gibt, welche Funktionen ihm wichtig sind und welche App über diese Funktionen verfügt. Zudem können bei einigen Apps viele Funktionen erst genutzt werden, nachdem man sich angemeldet bzw. ein Nutzerkonto eingerichtet hat oder wenn bereits der Kontakt bzw. die Verbindung zu einer Apotheke vorhanden ist.


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