28.03.2019

Mein Freund, der Doktor: Kooperation zwischen Apotheker und Arzt

von Christoph Niekamp

In ihrem Berufsalltag haben Apotheker und Ärzte eine ganze Reihe von Berührungspunkten. Ist dem Apotheker dabei jedoch der eigene Vorteil gegenüber Mitbewerbern wichtiger als das Wohl des Patienten, läuft etwas schief.

© makyzz / Getty Images / iStock

Originalartikel als PDF

Ganze 97 Prozent der Apotheker sind der Auffassung, dass die Patienten sehr von einer stärkeren Kooperation der beiden Berufsstände profitieren würden. Das geht aus einer Apokix-Umfrage des IFH im Mai 2012 hervor. Die Ergebnisse decken sich mit den Anforderungen der Bevölkerung an das Gesundheitssystem, die das IFH im Rahmen der Studie „Apotheke der Zukunft“ auf Initiative der Apothekerkammern und -verbände in Nordrhein-Westfalen untersucht hatte.

Gemäß der Studie fordern rund 80 Prozent der Bundesbürger eine stärkere Verzahnung der beiden Heilberufe. Drei Viertel der Deutschen können sich beispielsweise vorstellen, dass sich Apotheken künftig in enger Abstimmung mit ihren behandelnden Ärzten um die Verlängerung ihrer Rezepte kümmern.

Vor allem bei chronisch kranken Patienten könnte dies hilfreich sein. Auch können sich 64 Prozent der befragten Apotheker vorstellen, ihre Kunden frühzeitig auf notwendige Rezeptverlängerungen aufmerksam zu machen.

Fax statt Anruf

Einen Arzt ans Telefon zu bekommen, ist gar nicht so einfach. In Bremen hat sich diese Faxvorlage für Rückfragen etabliert.

Kommunikation verbessern

Lokale Arzt-Apotheker-Gesprächskreise helfen, sich gegenseitig zu unterstützen, ohne die jeweiligen Kompetenzen des anderen zu beschränken. Persönliche Treffen verbessern die Kommunikation, wenn Arzt und Apotheker die Arbeitsabläufe strukturieren und wichtige Patientenfälle besprechen. Dadurch wird zum einen die Beziehung gefestigt, zum anderen die Behandlung des Patienten von beiden Seiten optimal gestaltet. „Nur wenn der Apotheker weiß, welche Therapieziele der Arzt auf welchem Weg erreichen will, kann er die Therapie optimal unterstützen“, betont die Landesapothekerkammer Baden-Württemberg in einer Stellungnahme. In Bochum und Detmold sind die allgemeinmedizinischen und kinderärztlichen Notfalldienstpraxen für ein Modellvorhaben Anfang 2019 mit einer Info-Stele ausgestattet worden (s. Bild auf S. 11). Diese gibt Auskunft über die vier nächstgelegenen notdiensthabenden Apotheken. Die Patienten können ihre Rezeptinformation auf digitalem Weg an eine notdiensthabende Apotheke übertragen und abfragen, ob das verordnete Arzneimittel dort vorrätig ist. Damit lassen sich den Patienten unnötige Wege bei der Medikamentenversorgung ersparen.

Die Digitallösung soll mit einer Chatfunktion die Kommunikation zwischen Ärzten und Apothekern im Notdienst verbessern. So kann der Apotheker beispielsweise bei unklaren Verordnungen, bei Arzneimittelunverträglichkeiten oder Lieferengpässen direkt Kontakt zum verordnenden Arzt aufnehmen.

Kooperation im Netz-- Auf der Internetseite www.116117.de des ärztlichen Bereitschaftsdienstes der Kassenärztlichen Vereinigungen befindet sich seit Neuestem ein Verweis auf den Apothekenfinder der ABDA. Umgekehrt verweist die ABDA auf ihrer Internetseite jetzt auf die Nummer des ärztlichen Bereitschaftdienstes 116117.

DAS APOTHEKER FORUM

Wie ist Ihre Erfahrung in der Zusammenarbeit mit "Ihren Ćrzten" In DAS APOTHEKER FORUM sammeln wir aktuelle Berichte aus der Praxis. Sie sind noch kein Mitglied? Dann melden Sie sich jetzt kostenlos an.

Nachfragen zu Rezepten

Nicht nur, wenn das handschriftliche Rezept partout nicht zu entziffern ist, greifen Apotheker zum Hörer. Klassische Beispiele für Arztrücksprachen betreffen oft Unstimmigkeiten bei Verordnungen von Rezepturen. Statt eines Dankeschöns für die aufmerksame Rückfrage werden solche Anrufe nicht selten mit dem Satz abgeschmettert: „Das haben wir immer schon so verschrieben, und das soll auch genauso angefertigt werden“. Meistens erfolge diese Auskunft nicht einmal direkt vom Arzt, sondern werde durch die Arzthelferin ausgerichtet, berichtet PTA Lorena Denoville aus ihrem Alltag in der Ring-Apotheke in Neumünster.

Studium

An verschiedenen Universitäten werden gemeinsame Seminar- und Lehrveranstaltungen für Pharmazie- und Medizinstudenten angeboten. Interdisziplinäre Workshops wie sie beispielsweise in Hessen oder Niedersachsen durchgeführt werden, verbinden die tägliche Praxis von Apothekern und Ärzten. Dabei bearbeiten Pharmazeuten im Praktikum zusammen mit Ärzten im Praktischen Jahr konkrete Patientenfälle.

ATHINA-Apotheker

Das Projket ATHINA der Apothekerkammer Nordrhein will die Arzneimitteltherapiesicherheit der Patienten verbessern. Mittlerweile wird das Konzept in insgesamt fünf Kammerbereichen umgesetzt. Wie das genau funktioniert, erfahren Sie hier.

Medikationsmanagement

Das Institut für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität Frankfurt am Main sammelt Fehlerberichte von Ärzten auf dem Portal www.jeder-fehler-zaehlt.de. Darunter finden sich zahlreiche Medikationsfehler, die die Schnittstellen von Apotheker und Arzt betreffen. Damit nicht nur Ärzte, sondern auch Apotheker von dem Lernsystem profitieren, wertet die Landesapothekerkammer Hessen (LAK) seit 2018 berichtete Fälle unter pharmazeutischem Blickwinkel aus.

ARMIN

Die Anzahl der verordneten und in der Selbstmedikation vom Patienten selbst erworbenen Arzneimittel nimmt in Deutschland stetig zu. Damit steigt auch der Anteil von Patienten, die regelmäßig mehrere Medikamente einnehmen. Dies hat ein höheres Risiko für unerwünschte Arzneimittelereignisse zur Folge.

Mit ihrem „Zukunftskonzept Arznei-mittelversorgung“ haben die ABDA und die Kassenärztliche Bundesvereinigung im Jahre 2011 ein Konzept zur Steigerung der Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) und Therapietreue vorgestellt, bei dem Arzt und Apotheker gemeinsam die Umsetzung und Optimierung der Arzneimitteltherapien koordinieren.

Die Arzneimittelinitiative ARMIN ist ein gemeinsames Projekt der Ärzte und Apotheker Sachsens und Thüringens sowie der AOK Plus. Mit dem Modellvorhaben, bei dem Ärzte nach Möglichkeit nur noch Wirkstoffe verordnen und die Apotheker die entsprechenden Medikamente ausgeben, soll die Qualität und Wirtschaftlichkeit der Arzneimittelversorgung erhöht werden. Der Medikationsplan ist Teil des dritten und abschließenden Moduls von ARMIN, dem Medikationsmanagement. Es soll vor allem chronisch kranken Patienten helfen, die in der Regel mindestens fünf Medikamente einnehmen.

Geld für E-Health

Digitaler Medikationsplan und E-Rezept: DAV und GKV-Spitzenverband haben sich über die Finanzierung im Zuge der Telematikinfrastruktur verständigt.

Gesetzlich erlaubt

Im Apothekengesetz (ApoG) sind die Spielregeln für die Kooperationen mehr oder wenig deutlich festgehalten.

Strafrechtlich verfolgbar sind demnach auch unlautere Absprachen und Vereinbarungen zwischen Apothekern und Ärzten. Aber auch stillschweigendes Verhalten kann zu solch einer Unrechtsvereinbarung führen.

Dies wäre beispielsweise der Fall, wenn der Arzt in seiner Stammapotheke, in der er regelmäßig seine Sprechstundenbedarfsrezepte einlöst und aus der er seinen Praxisbedarf bezieht, auf einmal Arzneimittel für den persönlichen Gebrauch kostenlos oder mit unüblich hohen Rabatten erhält. Ebenso wie ein ungewöhnlicher Bezug von teuren Arzneimitteln durch den Arzt, kann ein Zustrom von Patienten eines Arztes in eine bestimmte Apotheke Anlass zur Aufnahme von Ermittlungen geben.

§ 11 ApoG

  1. Erlaubnisinhaber und Personal von Apotheken dürfen mit Ärzten […], keine Rechtsgeschäfte vornehmen oder Absprachen treffen, die eine bevorzugte Lieferung bestimmter Arzneimittel, die Zuführung von Patienten, die Zuweisung von Verschreibungen oder die Fertigung von Arzneimitteln ohne volle Angabe der Zusammensetzung zum Gegenstand haben. […]
  2. Abweichend von Absatz 1 darf der Inhaber einer Erlaubnis zum Betrieb einer öffentlichen Apotheke auf Grund einer Absprache anwendungsfertige Zytostatikazubereitungen, die im Rahmen des üblichen Apothekenbetriebes hergestellt worden sind, unmittelbar an den anwendenden Arzt abgeben.

Recht auf freie Apothekenwahl

Der Sprecher der Apothekerkammer Westfalen-Lippe Michael Schmitz sieht die Grenze zur Korruption überschritten, wenn es um die Möglichkeit der freien Entscheidung geht: Die Patienten hätten das Recht auf freie Apothekenwahl. „Daher ist und bleibt die direkte Übermittlung von Rezepten an eine Apotheke unzulässig. Gleiches gilt für den Weg von der Apotheke zum Arzt: Hier sieht das Apothekengesetz ebenfalls ein Zuweisungsverbot vor“, erläutert Schmitz.

Es gebe besonders auf dem Land erfahrungsgemäß Sachverhalte der Zusammenarbeit zwischen Arzt und Apotheker, die von einer ernst gemeinten Hilfestellung für den Patienten bis hin zur Korruption reichten, sagt der Justiziar der Apothekerkammer Schleswig-Holstein Dr. Karl-Stefan Zerres: „Korruptionssachverhalte liegen jedenfalls nicht fern, wenn die Triebfeder der Zusammenarbeit nur darin liegt, Rezepte ,aus ‚wirtschaftlichen Interessen‘ zu steuern.“

Wo kein Kläger, da kein Richter-- Das Fehlen einer Anklage bedeutet natürlich nicht, dass Kooperationen, die der Gesetzgeber ganz bewusst nicht gestattet, plötzlich legal werden. Hier steht für beide Heilberufler viel auf dem Spiel. Apotheker und Ärzte sollten sich besser an die Regeln halten, als Geld und Zeit für rechtliche Verfahren auszugeben.


Artikel teilen

Kommentare (0)

Kommentar schreiben

Die Meinung und Diskussion unserer Nutzer ist ausdrücklich erwünscht. Bitte achten Sie im Sinne einer angenehmen Kommunikation auf unsere Netiquette und Nutzungsbedingungen. Vielen Dank!

* Pflichtfeld

Das PTA Magazin

DAS PTA MAGAZIN wendet sich an das Fachpersonal in der öffentlichen Apotheke, wobei die Zeitschrift insbesondere auf das berufliche Informationsbedürfnis der Pharmazeutisch-Technischen Assistentin eingeht.

www.das-pta-magazin.de

Springer Medizin

Springermedizin.de ist das Fortbildungs- und Informationsportal für Ärzte und Gesundheitsberufe, das für Qualität, Aktualität und gesichertes Wissen steht. Das umfangreiche CME-Angebot und die gezielte Berichterstattung für alle Fachgebiete unterstützen den Arbeitsalltag.

www.springermedizin.de

Newsletter

Mit unserem Newsletter erhalten Sie Fachinformationen künftig frei Haus – wöchentlich und kostenlos.