06.03.2019

Internationale Personalsuche: Pharmazeuten aus Südeuropa

von Dr. Marcel Schmutzler

Immer mehr Apotheken in Deutschland bereitet die Personalsuche Schwierigkeiten. Dagegen findet sich vor allem in Südeuropa eine große Zahl junger Pharmazeuten auf Arbeitsuche. Die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit hilft, beide Parteien zusammenzuführen.

Die syrische Apothekerin Lama Al Khouja in Hermsdorf in Thüringen.

© Portal „Anerkennung in Deutschland“/BIBB: Robert Funke

Foto: Auch Pharmazeuten aus Nicht-EU-Staaten können in Deutschland arbeiten. 2015 kam die Syrerin Lama Al Khouja nach Deutschland. Nach einer Anpassungsqualifizierung und erfolgreich bestandener Fachsprach- und Kenntnisprüfung erhielt sie die Approbation. Heute arbeitet sie festangestellt als Apothekerin in Hermsdorf in Thüringen.

2016 hatte die ZAV eine erste Auswahlveranstaltung speziell für Pharmazeuten in Mailand durchgeführt. Zuvor hatten die dortigen Kollegen der italienischen Arbeitsverwaltung berichtet, dass in ihrer Region besonders viele Pharmazeuten auf der Suche nach Arbeit wären. Tatsächlich war das Interesse enorm, allerdings konnten die meisten Bewerber kein Deutsch. Einige hatten zwar bereits selbst angefangen, Deutsch zu lernen, doch um die für die Approbation notwendigen Sprachkenntnisse auf B2-Niveau bzw. Fachsprachkenntnisse auf C1-Niveau des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens nachzuweisen, war eine weitere sprachliche Vorbereitung notwendig.

„Daher begannen wir, vorbereitende Sprachkurse noch vor Ort zu organisieren“, berichtet Friederike Meyer-Belitz, die als Berufsberaterin der ZAV auf Gesundheitsberufe spezialisiert ist. „Im Anschluss konnten wir die ersten Pharmazeuten erfolgreich mit Apotheken in Deutschland in Verbindung setzen.“

Mittlerweile hat die ZAV ihre Rekrutierungsaktivitäten auf weitere Regionen in Italien, Spanien und Portugal ausgeweitet. Aktuell stehen interessierten Arbeitgebern zwanzig Apotheker mit B2-Sprachkenntnissen aus Spanien und Italien für eine auf die Fachsprachenprüfung vorbereitende Hospitation zur Verfügung, die nach Erhalt der deutschen Approbation von den Arbeitgebern übernommen werden können. Die Unkosten für die vorbereitenden Sprachkurse müssen in der Regel von den einstellenden Arbeitgebern refinanziert werden. Weitere Rekrutierungsreisen mit anschließenden Sprachkursen sind für 2019 geplant.

Offen und umfassend informieren

Eine weitere Herausforderung neben fehlenden Sprachkenntnissen: zunächst das Vertrauen der Bewerber zu gewinnen. Da die Universitäten in Südeuropa im pharmazeutischen Bereich über Bedarf ausbilden, sind die wenigen freien Stellen schlecht dotiert. Vor allem frischen Absolventen werden niedrige Bezahlung und befristete Arbeitsverträge bei hohem Stundenaufkommen geboten. Oft werden sie zunächst als Praktikanten beschäftigt – falls sie überhaupt eine Stelle finden.

„Da klingen die deutschen Arbeitsbedingungen für Pharmazeuten erst einmal wie aus einer anderen Welt“, berichtet Patrick Marx, Koordinator des Migasa-Projektes, mit dem die ZAV seit Anfang 2018 bei der Rekrutierung von Apothekern in Italien und Portugal zusammenarbeitet. „Viele sagten uns in den Auswahlgesprächen: ‚Das glauben wir euch nicht‘, wenn wir ihnen von den Gehaltsmöglichkeiten berichteten und das wir ihnen einen Sprachkurs bezahlen würden.“

Generell ist für viele Bewerber der Weg nach Deutschland ein Schritt ins Unbekannte – sie werden ihn nur gehen, wenn sie genau wissen, was sie erwartet. „Um Fachkräfte aus dem Ausland für sich zu gewinnen, empfiehlt es sich daher, offen und umfassend zu kommunizieren“, sagt Friederike Meyer-Belitz. „Dazu gehört nicht nur, über Aufgaben und Arbeitsbedingungen zu informieren, sondern auch deutlich zu machen, welche Hilfestellungen die neuen Mitarbeiter über den Arbeitsalltag hinaus erwarten können.“ Auch die Vorträge und Beratungen der ZAV zu Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie Steuern und Sozialabgaben helfen den Kandidaten, diese Informationen richtig in den größeren Zusammenhang einordnen zu können.

Standortmarketing als Teil des Personalmarketings

Ebenso wichtig ist es für viele von ihnen, etwas über die Infrastruktur ihres neuen Lebensortes zu erfahren, vor allem, wenn sie eine Familie mitbringen. Welche Schulen oder Kindertagesstätten gibt es vor Ort, wie ist die Anbindung an einen Flughafen für Heimatbesuche, welche Möglichkeiten der Freizeitgestaltung gibt es? Viele deutschlandinteressierte Arbeitsuchende im Ausland hatten bisher noch wenige Berührungspunkte mit Deutschland, sie kennen vielleicht Berlin, Hamburg und München aus dem Fernsehen. Vor allem für Arbeitgeber in kleineren Städten oder ländlichen Gebieten ist es wichtig, hier ihre Vorteile ins Feld zu führen, zum Beispiel als „grüne Oase“, was für Bewerber aus Großstädten ein Argument sein kann, wenn die Kinder mitkommen. Standortmarketing wird so zum Bestandteil des Personalmarketings.

Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt

Außerhalb der EU haben vor allem Pharmazeuten aus den sogenannten Westbalkan-Staaten aktuell gute Möglichkeiten, eine Beschäftigung in Deutschland aufzunehmen. Denn Bürger aus Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Mazedonien, Montenegro und Serbien genießen durch die Westbalkan-Sonderregelung (§ 26, Abs. 2 Beschäftigungsverordnung) befristet bis Ende 2020 vereinfachten Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt.

Pharmazeuten aus anderen Nicht-EU-Staaten können als Akademiker darüber hinaus die Blaue Karte EU in Anspruch nehmen, die es ihnen ermöglicht, für zunächst bis zu vier Jahre eine Beschäftigung in Deutschland aufzunehmen. Voraussetzung ist allerdings ein Jahresbruttogehalt von aktuell 53 600 Euro, das sie in Deutschland verdienen müssen. Dieser Verdienst liegt bei Apothekern über dem Tariflohn für Berufsanfänger. Das macht die Rekrutierung von Pharmazeuten in Nicht-EU-Staaten außerhalb des Westbalkans aktuell schwierig.

Den sozialen Aspekt nicht unterschätzen

„Für die Bewerberinnen und Bewerber ist der Weg nach Deutschland ein großer Schritt in eine komplett neue Welt – mit schlechtem Wetter. Es ist etwas anderes, einen Bewerber aus dem Ausland einzustellen als einen aus Deutschland. Man muss sich mehr kümmern“, erklärt Patrick Marx. Dazu können Hilfe bei der Wohnungssuche und Behördengängen gehören oder als Ansprechpartner bei Fragen und Problemen zu fungieren.

Damit die neuen Mitarbeiter sich schnell heimisch fühlen, hilft es ebenso, sich im Vorfeld über ihre Hobbies schlau zu machen und mit entsprechenden Vereinen in Kontakt zu bringen. Auch bereits bestehende lokale Communities aus den jeweiligen Heimatländern helfen bei der Integration, denn hier haben Neuankömmlinge die Möglichkeit, sich über ihre Erfahrungen auszutauschen und von denen der bereits Alteingesessenen zu profitieren. Berufsbegleitende Sprachkurse oder Sprachtandems im Unternehmen können zu guter Letzt die sprachliche Entwicklung der neuen Mitarbeiter fördern, denn diese ist der Schlüssel nicht nur zur beruflichen, sondern auch privaten Integration.

Deutsche Approbation beantragen

Unabhängig davon, ob sie aus einem EU- oder Nicht-EU-Staat stammen, müssen Apotheker, die ihren Hochschulabschluss im Ausland erworben haben, eine deutsche Approbation beantragen. Diese muss bei der örtlich zuständigen Stelle beantragt werden. Bei der Suche nach der richtigen Antragsstelle hilft der Anerkennungsfinder unter www.anerkennung-in-deutschland.de. Die Anträge können auch bereits aus dem Ausland gestellt werden. Beratungsstellen im Ausland finden Sie ebenfalls auf dem Portal „Anerkennung in Deutschland“.

Generell rät Friederike Meyer-Belitz: „Arbeitgeber dürfen neben der fachlichen Integration den sozialen Aspekt nicht vernachlässigen. Mitarbeiter, die sich nach Feierabend einsam fühlen, werden schnell weiter- oder zurückziehen.“

Fachkräfte aus dem Ausland

Weitere Informationen finden deutschlandinteressierte Fachkräfte im Ausland sowie deutsche Arbeitgeber auch im Fachkräfteportal der Bundesregierung www.make-it-in-germany.com.

Alle Informationen rund um die Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen bündelt das Informationsportal der Bundesregierung www.anerkennung-in-deutschland.de.

Quelle: Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) / BIBB


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