28.01.2019

Husten und akute Atemwegsinfekte

von Dr. med. Sabine Gehrke-Beck und Dr. med. Felix Holzinger

Atemwegsinfekte gehören zu den häufigsten Beratungsanlässen in Allgemeinarztpraxis und Apotheke und begründen 30 Prozent aller Fälle von Arbeitsunfähigkeit. Was die aktuellen Leitlinien sagen und wie sie unter anderem Expektoranzien und Antitussiva beurteilen, ist Thema dieses Beitrages.

Zeichnung: hustender Mann

© DanielVilleneuve / Getty Images / iStock

Fortbildung

Definitionsgemäß gehören zu den akuten oberen Atemwegsinfekten die Erkältungskrankheit, die Pharyngitis und Tonsillitis, die akute Rhinosinusitis, die Otitis media und das Krupp-Syndrom. Zu den unteren Atemwegsinfekten zählen die akute Bronchitis, die akute Exazerbation einer chronischen Bronchitis, der Keuchhusten und die Influenza. Die Pneumonie ist per Definition eine Organinfektion.

Diese Übersicht behandelt die Differenzialdiagnostik des akuten Hustens beim Erwachsenen und die evidenzbasierte Therapie der Erkältungskrankheit und der akuten Bronchitis nach der 2014 aktualisierten Leitlinie Husten der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (DEGAM) [1]. Sie berücksichtigt darüber hinaus einige weitere seitdem veröffentlichte Studien. Zu beachten ist, dass die DEGAM-Leitlinie bis 28.02.2019 gültig ist. Sie wird momentan aktualisiert, laut DEGAM ist die Fertigstellung für Dezember 2019 geplant.

Kompletter CME-Artikel samt Fragebogen

Die Fortbildung zum Thema Husten wurde am 1.10.2018 unter der Veranstaltungsnummer BAK/FB/2018/302-2 durch die Bundesapothekerkammer zertifiziert. Die Akkreditierung ist gültig vom 28.01.2019 bis 27.01.2020.  Die Punkte verfallen nach Ablauf der Akkreditierung nicht.

Den kompletten Fortbildungstext und den Fragebogen können Sie hier kostenlos herunterladen.

Differenzialdiagnostik des akuten Hustens

Der Goldstandard der Diagnostik eines akuten Hustens sind die Anamnese und körperliche Untersuchung. Schon aus der Kenntnis des Patienten und seiner Vorerkrankungen und der gezielten Erfassung der Symptomatik ergibt sich eine gute erste diagnostische Einordnung. Fragen nach Erkältungserkrankungen oder anderen Infekten bei Kontaktpersonen sind oft hilfreich. Ältere, Raucher, Patienten mit Vorerkrankungen von Lunge oder Herz oder mit beeinträchtigtem Immunsystem sollten mit besonderer Aufmerksamkeit auf das Vorliegen von Warnsymptomen befragt und untersucht werden. Wichtige Aspekte einer gezielten Anamnese und körperlichen Untersuchung zeigt Tab. 1.

Tab. 1 Anamnese und körperliche Untersuchung bei akutem Husten

Anamnese

Körperliche Untersuchung

Symptome

Husten: Dauer, Auswurf (Konsistenz, Farbe, Menge, Hämoptysen)Atembeschwerden: Dyspnoe, Stridor
Schmerzen: Thorax, Kopf, Hals, Ohren, Gliederschmerzen
Fieber, Schnupfen, Krankheitsgefühl

HNO

Behinderte Nasenatmung, Klopfschmerz über Nasennebenhöhlen, Pharyngitis, Tonsillenbeläge, Schleimstraße im Rachen, Abtasten der Halslymphknoten, ggf. Otoskopie

Vorerkrankungen

Chronische Bronchitis/COPD
Chronische Rhinitis/Sinusitis
Asthma, Allergien
Herzerkrankungen
Immundefizienz

Herz und Lunge

Atemfrequenz, Einsatz von Atemhilfsmuskulatur, Perkussion und Auskultation der Lunge, Herzauskultation

Exposition

Tabakrauch, berufliche Noxen, Infekte bei Kontaktpersonen

Allgemein

Allgemeinzustand, Blässe, Zyanose, Schwitzen, Knöchelödeme

Empfehlung der DEGAM-Leitlinie

Bei akutem Husten ohne Hinweis auf einen gefährlichen Verlauf sollte auf technische Untersuchungen verzichtet werden.

Wann wird es ernst?

Bei wenigen Patienten, die sich ohne relevante Vorerkrankungen mit akutem Husten vorstellen, liegt eine schwere und gefährliche Erkrankung vor. Atemnot und Tachypnoe, Thoraxschmerzen, Hämoptoe und Tachykardie sind die wichtigsten Warnzeichen (Red flags), die auf eine akute Bedrohung hinweisen.

Tab. 2 gibt einen Überblick über die wichtigsten gefährlichen Verläufe. Besonders schwierig ist es oft, eine akute Lungenembolie zu erkennen. Das Fehlen von typischen anderen Erkältungssymptomen und eine Belastungsdyspnoe sind wichtige Hinweise. Rasche Abklärung und oft notfallmäßige stationäre Einweisung sind in Fällen mit Warnzeichen geboten.

Tab. 2 Gefährliche Verläufe und Red flags bei akutem Husten

Gefährlicher Verlauf

Red flags

Status asthmaticus

Bekanntes Asthma oder Allergie, expiratorisches Giemen, verlängertes Expirium, trockene Rasselgeräusche.
CAVE: „silent chest“

Lungenödem

Bekannte kardiale Vorerkrankung, Tachypnoe, Dyspnoe, verschärftes Atemgeräusch, feuchte Rasselgeräusche

Pneumothorax

Stechender Thoraxschmerz, asymmetrische Thoraxbewegung, einseitig abgeschwächtes Atemgeräusch, hypersonorer Klopfschall

Lungenembolie

Erhöhtes Thromboserisiko, Belastungsdyspnoe, Tachykardie, Tachypnoe, Thoraxschmerz

Fremdkörperaspiration

Unbeobachtet spielende Kinder und ältere Menschen mit Schluckstörung, Dyspnoe, inspiratorischer Stridor

Immer noch Husten — wann abklären?

Ein Husten ohne Warnsymptome, der vermutlich durch einen akuten Atemwegsinfekt bedingt ist, kann länger anhalten als die meisten Patienten vermuten. Einer Studie zufolge rechnen Patienten nach sieben bis neun Tagen damit, dass ein infektbedingter Husten aufhört, während die durchschnittliche Dauer tatsächlich 17,8 Tage beträgt. In manchen Fällen — häufiger bei älteren Patienten und Rauchern — kann sich eine unkomplizierte Bronchitis aber auch noch länger hinziehen [2]. In Leitlinien wird international übereinstimmend definiert, dass ab einer Dauer von acht Wochen ein chronischer Husten vorliegt [3, 4].

Ein nach dieser Zeit noch bestehender Husten sollte definitiv abgeklärt werden. Erster Schritt dazu ist meist eine Röntgen-Thorax-Aufnahme. Entsprechend der klinisch wahrscheinlichen Verdachtsdiagnosen schließen sich weitere diagnostische Schritte an. Wenn z. B. eine nicht infekttypische Symptomatik vorliegt oder der Patient sehr beunruhigt ist, kann eine frühe weitere Abklärung sinnvoll sein.

Ein akuter Husten wird am häufigsten durch eine Erkältung oder eine akute Bronchitis verursacht. Abzugrenzen sind spezifische Infekte der unteren Atemwege wie z. B. Influenza und Pertussis sowie eine Pneumonie. Bei bekannter allergischer Rhinitis, Atopie oder/und entsprechender Familienanamnese ist ein allergisches Asthma zu bedenken. Bei bekannter COPD oder noch nicht ärztlich abgeklärtem vorbestehendem „Raucherhusten“ kommt eine akute Exazerbation einer COPD in Betracht. Darüber hinaus können natürlich alle Ursachen eines chronischen Hustens bei erstem Auftreten zunächst einmal zu einem akuten Husten führen (Tab. 3) [5].

Tab. 3 Häufige Ursachen eines chronischen Hustens

  • Asthma bronchiale
  • COPD
  • Bronchiale Hyperreagibilität
  • Upper Airway Cough Syndrom (früher: Postnasales
  • Drip-Syndrom)
  • Gastroösophagealer Reflux
  • ACE-Hemmer-induzierter Husten

Erkältung oder Bronchitis?

Eine Erkältung ist gekennzeichnet durch kein oder geringes Fieber, Halsschmerzen, Schnupfen, Husten und allgemeine Abgeschlagenheit. Die meisten Symptome lassen typischerweise nach zwei bis drei Tagen nach, während ein Husten oft länger als die übrigen Beschwerden besteht. Bis auf einen geröteten Rachen und Nasensekret ist die körperliche Untersuchung inklusive der Auskultation der Lunge meist unauffällig.

Bei einer Bronchitis liegt erst ein trockener, dann ein produktiver Husten vor. Neben Halsschmerzen und Schnupfen ist auch geringes bis mäßiges Fieber, das über wenige Tage anhält, häufig. Auskultatorisch können ein verschärftes Atemgeräusch, vereinzelte feuchte Rasselgeräusche oder eine begleitende bronchiale Obstruktion festgestellt werden.

Der Übergang von einer Erkältungskrankheit zu einer akuten Bronchitis ist fließend. Da sowohl eine Erkältungskrankheit als auch eine akute Bronchitis viral verursachte, selbstlimitierende Infekte sind und symptomatisch behandelt werden, ergibt sich wegen fehlender therapeutischer Konsequenzen auch keine Notwendigkeit für eine Differenzialdiagnostik.

Zu bedenken ist aber die mögliche Auswirkung der Diagnose auf den Patienten: Patienten, deren Beschwerden als „Bronchitis“ bezeichnet werden, erwarten oft ein Antibiotikum und sind unzufriedener, wenn sie dies nicht erhalten [6]. Diesen Patienten sollte man gut vermitteln, wieso eine Antibiotikaverordnung unterbleibt. Andererseits kann die Diagnose „Bronchitis“ möglicherweise dazu beitragen, dass ein Patient, der durch Husten deutlich beeinträchtigt ist, seine Beschwerden damit besser erklärt sieht und auch ein längeres Anhalten der Symptome akzeptiert. Auch bei einer akuten Bronchitis ist daher in der Diagnostik eine Anamnese und körperliche Untersuchung i. d. R. ausreichend.

Empfehlung der DEGAM-Leitlinie

Bei der klinischen Diagnose einer akuten unkomplizierten Bronchitis soll auf Laboruntersuchungen, Sputumdiagnostik und Röntgen-Thorax-Aufnahmen verzichtet werden.

Bronchitis oder Pneumonie?

Therapeutisch relevant und unabdingbar ist dagegen die klare Abgrenzung zu einer ambulant erworbenen Pneumonie, da bei einer Lungenentzündung eine leitliniengerechte, kalkulierte Antibiotikatherapie eingeleitet werden muss [7].

Im Gegensatz zu einer Bronchitis geht eine Pneumonie typischerweise mit hohem Fieber und Reduktion des Allge­meinzustandes, Tachypnoe und auskul­tatorisch feinblasigen Rasselgeräuschen einher. Dennoch ist eine klinische Dia­gnose nicht immer einfach: Besonders bei älteren Patienten kommen Verläufe mit fehlendem oder geringem Fieber vor. Auch der typische Auskultationsbefund kann fehlen. Die Farbe des Sputums hat keine diagnostische Aussagekraft hin­sichtlich der Frage, ob eine bakterielle Entzündung bzw. eine Pneumonie vor­liegt [8]. Eine CRP-Bestimmung kann weder eine Pneumonie ausschließen noch bestätigen [9]. Eine Procalcitoninbestimmung kann nach aktueller Datenlage bei akuten Atemwegsinfekten dazu beitragen, Antibiotikaverordnungen zu reduzieren [10], ist aber aktuell noch zu teuer, um im Praxisalltag regelmäßig eingesetzt werden zu können. Daher sollte bei Verdacht auf eine Pneumonie eine Röntgen-Thorax-Aufnahme in zwei Ebenen angestrebt werden.

Erkältung oder Grippe?

In der Alltagssprache wird eine Erkältung häufig auch als „Grippe“ bezeichnet. Allerdings kann man eine Erkältung klinisch recht eindeutig von der „echten“ Grippe unterscheiden. Letztere ist geprägt durch einen schlagartigen Beginn mit hohem Fieber, eine starke Reduktion des Allgemeinbefindens, Gliederschmerzen und das Gefühl, schwerkrank zu sein.

Eine Verwechslungsgefahr mit einer banalen Erkältung ergibt sich dabei meist nicht, wohl kann aber z. B. die Abgrenzung zu einer Pneumonie schwierig sein. Oft ist die Diagnose aber durch das klinische Bild und das Umfeld (aktueller Influenzaausbruch, Erkrankungen in der Umgebung) einfach zu stellen. Ein Schnelltest kann die Diagnosesicherung um 30 Prozent gegenüber der rein klinischen Diagnosestellung erhöhen [11] und sollte eingesetzt werden, wenn diagnostische Zweifel bestehen und sich therapeutische Konsequenzen daraus ergeben. Die Differenzialdiagnose der Pneumonie — oder die Pneumonie als mögliche Komplikation der Influenza — lässt sich durch eine Röntgen-Thorax-Aufnahme sichern.

Empfehlung der DEGAM-Leitlinie

Bei Verdacht auf eine Influenza-Infektion soll keine routinemäßige Labordiagnostik (Serologie, Virus-Direktnachweis) erfolgen.

Husten oder Keuchhusten?

Pertussis tritt zunehmend auch im Erwachsenenalter auf. Bei einer Erhebung in den Jahren 2007 – 2010 wurde in Deutschland bei 1,1 Prozent der Erwachsenen, die sich mit akutem Husten in einer Hausarztpraxis vorstellten, eine Pertussisinfektion diagnostiziert [12]. Damit ist Keuchhusten zwar eine vergleichsweise seltene Ursache für einen akuten Husten in der Hausarztpraxis, geht aber häufig mit einem prolongierten Verlauf und deutlicher Beeinträchtigung der Patienten einher. Pertussis sollte bei hartnäckigem, anhaltendem Husten und bei entsprechender Umgebungsanamnese differenzialdiagnostisch bedacht werden.

Die Diagnosesicherung ist nicht einfach, da sich der Erreger nur in den ersten zwei Erkrankungswochen mittels Sputumkultur nachweisen lässt. In diesem frühen Krankheitsstadium kommt allerdings häufig der Verdacht noch nicht auf, da sich das Stadium catarrhale der Pertussisinfektion in den ersten ein bis zwei Wochen klinisch wenig von einer normalen Erkältungskrankheit unterscheidet. Erst danach tritt das Stadium convulsivum mit dem typischen anfallsartigen Husten auf. Jetzt kann der Erreger nur noch mittels der teuren Polymerasekettenreaktion (PCR) nachgewiesen werden, und dies auch nur bis zu vier Wochen nach Krankheitsbeginn.

Bei Erwachsenen ist auch ein Verlauf mit unspezifischem Husten möglich. Der Husten kann viele Wochen anhalten. Nach vier Wochen ist die Infektion nur durch eine Serologie nachzuweisen, die durch die häufig vorausgegangenen Impfungen oft schwer zu interpretieren ist [13]. Sinnvoll ist hier die Rücksprache mit dem untersuchenden Labor.

Abwarten oder Antibiotika?

Eine Erkältung und eine akute unkomplizierte Bronchitis sind viral verursachte Erkrankungen, die bei ansonsten gesunden Erwachsenen regelhaft auch ohne Therapie folgenlos ausheilen. Eine Therapie kann daher nur zum Ziel haben, eine Linderung von Beschwerden oder eine raschere Ausheilung zu erzielen. Da eine Heilung auch ohne Therapie zu erwarten ist, können schwerwiegende Nebenwirkungen nicht akzeptiert werden. Eventuelle finanzielle Aufwendungen des Einzelnen oder des Gesundheitssystems sollten einem klaren Benefit gegenüberstehen.

Der Einsatz von Antibiotika, der vor allem bei der akuten Bronchitis im Sinne einer differenzialdiagnostisch möglichen bakteriellen (Mit-)Verursachung diskutiert wird, ist in Studien sehr gut untersucht und hat bei der akuten Bronchitis durchschnittlich nur einen sehr gering krankheitsverkürzenden Effekt (weniger als einen Tag), dem Nebenwirkungen und die Resistenzentwicklung durch Antibiotika entgegenstehen [14]. Versuche, in Studien Subgruppen zu definieren, die möglicherweise doch von einer antibiotischen Therapie profitieren könnten, sind bis jetzt ohne Ergebnis geblieben.

Empfehlung der DEGAM-Leitlinie

Eine unkomplizierte akute Bronchitis soll nicht mit Antibiotika behandelt werden.

Erkältung — was hilft wirklich?

Obwohl akute Atemwegsinfekte sehr häufig sind, ist die Wirksamkeit symptomatischer Therapieansätze oft nur unzureichend durch Studien belegt.

Expektoranzien

Gerade für die häufig angewendeten „Schleimlöser“ — Expektoranzien bzw. Mukolytika — gibt es keine Studien, die einen Effekt bei akuten Atemwegsinfekten zeigen [15]. Acetylcystein wurde lediglich bei der chronischen Bronchitis untersucht: Für Acetylcystein findet sich dabei ein geringer Effekt auf die Exazerbationsrate einer COPD. Aus diesem Ergebnis lassen sich keine Erkenntnisse für die Therapie eines akuten Atemwegsinfektes ableiten. Eine Verordnung oder eine Empfehlung dieser Medikamente ist daher nicht evidenzbasiert.

Empfehlung der DEGAM-Leitlinie

Akuten Husten im Rahmen eines Infekts sollte man nicht mit Expektoranzien (Sekretolytika, Mukolytika) behandeln.

Antitussiva

Aus der Gruppe der Antitussiva liegen die meisten Erkenntnisse zum Codein vor. Hier wurde klar nachgewiesen, dass der Wirkstoff bei akuten Atemwegsinfekten keinen antitussiven Effekt hat und lediglich den Schlaf verbessern kann. Codein kann daher in Einzelfällen hilfreich sein, da Schlafmangel durch dauernden Hustenreiz oft sehr belastend für Patienten ist [15, 16]. Dabei ist aber das vorhandene Suchtpotenzial, das auch bei kurzfristiger Anwendung relevant ist, abzuwägen.

Kopf- und Gliederschmerzen bei akuten Atemwegsinfekten können mit Paracetamol oder Ibuprofen behandelt werden. Eine lindernde Wirkung wurde in einer größeren aktuellen Studie auch für ein Kombinationspräparat aus Paracetamol, Dextromethorphan, Doxylamin und Ephedrin nachgewiesen [15]. Dieser polypragmatische Ansatz, alle möglicherweise auftretenden Erkältungssymptome mit kombinierten Medikamenten systemisch zu behandeln, anstatt einzelne Symptome gezielt und ggf. lokal (Nasenspray/-tropfen) zu therapieren, sollte unter dem Aspekt der Nebenwirkungen (in der Studie kam es zu einer schwerwiegenden Nebenwirkung mit einer Bewusstseinsstörung) kritisch gesehen werden.

Zu einigen pflanzlichen Hustenmitteln (z. B. Efeu-Thymian-Präparate, Myrtol, Efeu-Primelwurzel, Pelargonium sidoides) liegen Studien vor, die eine geringe Linderung bei Patienten mit akuten Atemwegsinfekten nachweisen. Die Präparate sind gut verträglich, der Patient muss die Produkte jedoch selbst finanzieren. Ein Einsatz kann daher mit Patienten diskutiert werden, die einen dringenden Behandlungswunsch haben und die Kosten nicht scheuen.

Empfehlung der DEGAM-Leitlinie

Ein akuter Husten im Rahmen eines Infekts sollte nur in Ausnahmefällen mit Antitussiva behandelt werden.

Hausmittel

Auch die Wirksamkeit gängiger Hausmittel und nicht medikamentöser Behandlungsempfehlungen kann nicht wissenschaftlich belegt werden. Die Empfehlung, viel zu trinken, oder Wasserdampfinhalationen zeigen in Studien keine Effekte [17, 18]. Zur Hühnerbrühe als diätetische Intervention bei einer Erkältung existieren nur Laboruntersuchungen, die sich nicht auf die reale Anwendung am Patienten übertragen lassen [19].

Hausmittel und nicht medikamentöse Anwendungen können aber durchaus eingesetzt bzw. empfohlen werden, da sie nur sehr selten Nebenwirkungen haben, nichts oder sehr wenig kosten und die Autonomie des Patienten stärken sowie zu einer subjektiven Linderung führen können.

Weniger Antibiotika – wie es klappt

85 Prozent der Antibiotikaverordnungen fin­den in der ambulanten Versorgung statt. Während seit 2009 die Verordnungen bei Kindern deutlich und bei älteren Menschen leicht gesunken sind, blieben sie bei Erwachsenen mittlerer Alters­gruppen konstant. Ein großer Teil der Antibiotikaverordnungen entfällt in die­ser Altersgruppe auf akute Atemwegsinfekte. Besonders der nicht indizierte Einsatz von Fluorchinolonen führt dabei zu problematischen Resistenzentwick­lungen [20].

Verglichen mit anderen Ländern in Europa verordnen Ärzte in Deutschland zwar relativ zurückhaltend Antibiotika, gerade für akute obere Atemwegsinfekte gibt es aber – regional unterschiedlich – noch Einsparpotenzial. Erst kürzlich konnte auch in einer großen Studie sehr sicher gezeigt werden, dass eine redu­zierte Antibiotikaverordnungsrate nicht mit einem Auftreten von deutlich mehr schwerwiegenden bakteriellen Infekten einhergeht. Es konnte lediglich ein minimaler Anstieg von Pneumonien (1 im Jahr pro 7000 Patienten bei 10 % reduzierter Antibiotikagabe) nachgewie­sen werden [21].

Dennoch ist es in der Praxis nicht im­mer leicht, Patienten mit vertretbarem Zeitaufwand davon zu überzeugen, dass eine Antibiotikatherapie keinen Nutzen bringt. Die richtige Kommunikations­strategie und Patienteninformationen als Flyer oder Poster können helfen, weniger Antibiotika zu verschreiben [22].

Damit die Patienten trotzdem mit der Behandlung zufrieden sind, sind eine Er­klärung, warum auf Antibiotika verzich­tet wird, positive Behandlungsempfeh­lungen und klare Absprachen für eine ausbleibende Besserung oder Verschlech­terung wichtig. Dem Patienten kann da­bei auch bereits ein Rezept für diesen Fall mitgegeben werden. Auch wenn ein An­tibiotikarezept zum Einlösen bei Bedarf mitgegeben wird („delayed prescribing“), reduziert sich die Verord­nungszahl noch deutlich gegenüber einer sofortigen Verordnung.

Empfehlung der DEGAM-Leitlinie

Der Patient soll über den Spontanverlauf eines akuten (Erkältungs-)Hustens auf­geklärt werden.

Schon wieder erkältet – was hilft zur Vorbeugung?

Genauso wie zur Behandlung werden auch zur Prävention einer Erkältung zahlreiche Hausmittel, Vitamine und andere Präparate empfohlen und bewor­ben. Wissenschaftlich gut untersucht ist die vorbeugende Einnahme von Vita­min C. Sie ist nur für Leistungssportler und Menschen, die jenseits des Polar­kreises wohnen, sinnvoll, um Erkältun­gen zu verhindern. Für Nicht-Leistungs­sportler in unseren Breiten genügt eine Vitamin-C-Aufnahme über eine norma­le, ausgewogene Ernährung [23].

Die präventive Einnahme von Zink führte in Studien zu einer gewissen Re­duktion von Erkältungssymptomen, die jedoch durch mögliche Nebenwir­kungen wie Übelkeit und metallischen Geschmack erkauft wird. Eine Anwen­dung wird daher derzeit nicht empfoh­len [24].

Die einzige Maßnahme, für die ein Nutzen in Hinblick auf die Reduktion und Verkürzung von Erkältungen zwei­felsfrei belegt ist, ist der Verzicht auf das Tabakrauchen [25]. Diese Information alleine mag vielleicht keinen passionier­ten Raucher vom Glimmstängel weglo­cken, dennoch könnten z. B. wiederholte oder hartnäckige Erkältungen ein An­lass sein, die Motivation, mit dem Rau­chen aufzuhören, zu erfragen und den Patienten ggf. dabei zu unterstützen.

Autoren

Dr. med. Sabine Gehrke-Beck
Fachärztin für Allgemeinmedizin, Institut für Allgemeinmedizin
Charité Universitätsmedizin Berlin, Charité Campus Mitte

Koautor: Dr. med. Felix Holzinger
MPH, Institut für Allgemeinmedizin
Charité Universitätsmedizin Berlin, Charité Campus Mitte

Interessenskonflikt

Die Autoren erklären, dass sie sich bei der Erstellung des Beitrages von keinen wirtschaftlichen Interessen leiten ließen. Sie legen folgende potenzielle Interessenkonflikte offen: keine. Der Verlag erklärt, dass die inhaltliche Qualität des Beitrags von zwei unabhängigen Gutachtern geprüft wurde. Der Verlag garantiert, dass die CME-Fortbildung sowie die CME-Fragen frei sind von werblichen Aussagen und keinerlei Produktempfehlungen enthalten. Dies gilt insbesondere für Präparate, die zur Therapie des dargestellten Krankheitsbildes geeignet sind.

Korrespondenzadresse

Dr. med. Sabine Gehrke-Beck
Fachärztin für Allgemeinmedizin
Institut für Allgemeinmedizin
Charité Universitätsmedizin Berlin
Charité Campus Mitte
Charitéplatz 1
D-10117 Berlin
E-Mail: sabine.gehrke-beck@charite.de

Erstpublikation

MMW - Fortschritte der Medizin
Ausgabe Sonderheft 1/2017
Springer Medizin Verlag GmbH
DOI 10.1007/s15006-017-9035-5

Hier finden Sie die Literatur zum CME-Fortbildungsartikel.


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