28.04.2018

Hilfe, es juckt und brennt

© kei907 / stock.adobe.com

Originalartikel als PDF

Text: Anja Haasis

Eine Dame kommt in die Apotheke. Apothekerin Frau Jung begrüßt sie mit einem Lächeln: „Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?“. „Mich juckt es da unten. Sie wissen schon. Ich brauche ganz schnell Hilfe“, antwortet die Frau im Flüsterton. Frau Jung signalisiert der Kundin, mit ihr weg vom HV-Tisch, hin zum Kosmetikregal, zu kommen. Dort fragt sie: „Habe ich Sie richtig verstanden, Sie plagt ein starker Juckreiz im Intimbereich?“. Die Kundin nickt. „Das ist bestimmt ein Pilz“, erklärt Frau Jung. „Ich empfehle Ihnen eine Kombipackung mit Clotrimazol als Wirkstoff. Augenblick, ich hole Ihnen das Arzneimittel schnell“.

Analyse des Gesprächs

Die Kundin wird freundlich und wertschätzend von der Apothekerin empfangen. Die ersten Sekunden der Begrüßung sind entscheidend, um das Gegenüber positiv auf der Beziehungsebene abzuholen. Frau Jung erkennt auch sofort die peinliche Situation der Kundin und sorgt für ausreichend Diskretion, um das sensible Thema in ruhigerer Atmosphäre zu besprechen. Die Kundin beschreibt knapp ihre Beschwerden. Ihr Leidensdruck ist hoch, und sie wünscht sich eine Beratung. Frau Jung möchte dem schnell nachkommen und entscheidet sich rasch für eine Kombinationstherapie gegen vaginale Candidosen. Wahrscheinlich liegt sie mit ihrer Empfehlung auch richtig. Um diese abzusichern, sollte sie der Kundin aber noch eine Reihe weiterer Fragen stellen.

Gezielt nachfragen-- Welche Beschwerden liegen genau vor und seit wann? Treten sie zum ersten Mal auf, oder sind sie schon einmal vorgekommen? Was wurde bereits zur Behandlung unternommen? Sind Grunderkrankungen zu berücksichtigen und/oder müssen Sie regelmäßig Medikamente einnehmen? Juckreiz und weißer, krümeliger Ausfluss deuten auf eine Hefepilzinfektion hin und bestätigen die erste Vermutung von Frau Jung. Ein fischartiger Geruch kann dagegen das Symptom einer bakteriellen Vaginose sein. Während vaginale Hefepilzinfektionen, vor allem wenn sie schon einmal von einem Arzt diagnostiziert wurden, selbst therapiert werden können, sollte die Kundin bei Verdacht auf bakterielle Ursachen an den Gynäkologen verwiesen werden.

Empfehlung und Argumente

Nachdem Apothekerin Jung ein passendes Präparat für die Kundin geholt hat, erklärt sie dieser: „Ich empfehle Ihnen dieses Kombinationspräparat zur dreitägigen Anwendung. Damit habe ich die besten Erfahrungen gemacht. Die Vaginaltabletten werden an drei aufeinanderfolgenden Abenden, am besten im Bett liegend, tief in die Scheide eingeführt. Die Creme tragen Sie mehrere Tage zweimal täglich im äußeren Intimbereich auf. Damit werden Sie rasch eine Linderung des Juckreizes spüren. Sollten die Beschwerden nach den drei Tagen nicht nachlassen oder treten sie wieder auf, rate ich Ihnen, beim Gynäkologen die Infektion abklären zu lassen“.

OTC-Produktbeispiele*: Vaginalmykosen

Arzneimittelgruppe/ Therapieprinzip

(Haupt-)Inhaltsstoffe

Präparate

Antimykotika

Clotrimazol

Canesten ® Gyn Once Kombipackung ,

Fungizid-ratiopharm ® 3 Vag.-Tbl. + 20 g Cr.,

Kadefungin ® 3 Vaginaltbl.

Nystatin

Adiclair ® Vaginaltbl.,

Biofanal ® Kombip. 25 g Salbe + 6 Vag. Tbl.

Gerbstoffe, synthetisch

Phenolsulfonsäure-Phenol-Urea-Formaldehyd-Konzentrat

Tannolact ® Badezusatz

Scheidenmilieu stabilisieren

Milchsäurebakterienstämme

Canesflor ® Vaginalkps., Symbiovag ® Vaginalsupp.,

Vagisan ® Milchsäure Bakterien Vaginalkps.

Milchsäure

Lactofem ® Milchsäure Vaginalzpf.,

Kadefungin ® Milchsäurekur Gel

Vitamin C

Vagi-C ® Vaginaltabletten

Intimpflege

Aloe vera (Ganzpflanze)- Extrakt, Dexpanthenol, Milchsäure u. a.

Multi-Gyn ® Femiwash Schaum

Milchsäure, Thymiankrautextrakt u. a.

Sagella ® Hydramed Intimwaschlotion

*ohne Anspruch auf Vollständigkeit (Stand Lauer-Taxe: 10.04.2018)

Richtig argumentieren

Die ausführliche Beratung zur Arzneimittelanwendung vermittelt Sicherheit. Die Kundin erhält die von ihr gewünschte schnelle Hilfe. Und mit der Empfehlung des Arztbesuches weist die Apothekerin darauf hin, dass eine eindeutige Diagnose nur durch diesen gestellt werden kann, da verschiedene andere Erkrankungen vergleichbare Symptome hervorrufen.

Das Spiegeln der Symptombeschreibung, in der Fachsprache auch Pacing genannt, ist ein einfach anzuwendendes Werkzeug bei der Nutzenargumentation. Die Kundin beschreibt ihre Symptomatik: Es juckt, und sie wünscht schnelle Hilfe. Formulierungen wie „rasch eine Linderung spüren“, spiegeln genau dies wider.

Nutzenargumente sind nach dem Eisbergmodell der Kommunikation von Sigmund Freud emotionale Argumente und erreichen den Kunden auf der Beziehungsebene. Sie beanspruchen den größeren, unsichtbaren Teil des Eisberges unterhalb der Wasseroberfläche und transportieren Gefühle, Werte und Stimmungen. Bedürfnisse und Befriedigung spielen ebenfalls eine Rolle. Die Beziehungsebene beeinflusst wesentlich die inhaltlichen Aspekte des Gespräches. Davon unterschieden wird die Sachebene. Auf der Sachebene, dem kleineren, sichtbaren Teil des Eisberges, zählen Zahlen, Daten und Fakten.

Frauengesundheit

Vaginalmykosen sind nur ein Aspekt der Geusndheitsberatung von Kundinnen in Apotheke. DAS PTA MAGAZIN beleuchtet in einem Titelthema weitere Facetten der Frauengesundheit.

Auswahl an OTC-Produkten

Am häufigsten werden bei akuten und unkomplizierten vaginalen Candidosen Antimykotika verabreicht, die den Wirkstoff Clotrimazol enthalten. Vaginalcremes dienen sowohl zur Behandlung in als auch außerhalb der Scheide. Vaginaltabletten und Ovula werden nur in der Scheide angewendet. Es stehen Darreichungen zur einmaligen Applikation und als Drei-Tages-Therapie rezeptfrei zur Verfügung. Die lokale Anwendung ist gut verträglich. Gelegentlich treten Überempfindlichkeitsreaktionen oder lokale Irritationen auf, die sich nach Absetzen in der Regel wieder bessern. Sind nach der Behandlung noch Symptome vorhanden, oder treten Pilzinfektionen häufiger auf, ist der Kundin eine Behandlung durch den Gynäkologen auf jeden Fall zu empfehlen. Die Mitbehandlung des Partners ist in der Regel nur angezeigt, wenn dieser Symptome aufweist oder eine wiederkehrende Infektion der Frau auftritt.

Weitere Wirkstoffe-- Seltener angewendet werden lokal wirksame Antipilzmittel mit Nystatin. Weitere lokal und oral verabreichte Antimykotika unterliegen der Rezeptpflicht.

Alternativ können auch einige Antiseptika zur lokalen Behandlung in Form von Vaginalovula oder -tabletten eingesetzt werden, die ebenfalls eine fungizide Wirkung haben. Dazu gehört Hexetidin. Gerbstoffhaltige Zubereitungen haben in Form von Sitzbädern eine reizlindernde und wohltuende Wirkung.

Was sonst noch hilft

Eine gesunde Scheidenflora gilt als der beste Schutz vor einer Pilzinfektion. Um diese zu stärken, können betroffenen Frauen regelmäßige Kuren mit Milchsäurebakterienstämmen, Milchsäure oder Vitamin C helfen. Sie sollen für einen optimalen pH-Wert im Scheidenmilieu sorgen und so eine Vermehrung von pathogenen Pilzen und Bakterien unterbinden.

Neuerdings ist auch ein Selbsttest auf dem Markt, der den pH-Wert in der Scheide bestimmt und zusammen mit weiteren Symptomen einen Hinweis auf mögliche bakterielle oder mykotische Infektionen gibt.

Kostenlose Tipps-- Betroffenen Frauen können Sie noch mit auf den Weg geben, zum Reinigen im Intimbereich pH-neutrale Reinigungsformulierungen oder spezielle Intimwaschlotionen zu verwenden. Beim Toilettengang sollte immer von der Scheide weg nach hinten gewischt werden. Empfehlenswert ist es, luftdurchlässige Unterwäsche aus natürlichen Materialien wie Baumwolle zu tragen. Verschwitze Unterwäsche oder nasse Badesachen sind zügig zu wechseln. Falls Slipeinlagen getragen werden, ist darauf zu achten, dass diese weder Parfüm oder desinfizierende Wirkstoffe enthalten. Die während einer Pilzinfektion benutzte/n Wäsche/Handtücher wenn möglich bei mindestens 60 Grad Celsius waschen.


Artikel teilen

Kommentare (0)

Kommentar schreiben

Die Meinung und Diskussion unserer Nutzer ist ausdrücklich erwünscht. Bitte achten Sie im Sinne einer angenehmen Kommunikation auf unsere Netiquette und Nutzungsbedingungen. Vielen Dank!

* Pflichtfeld

Das PTA Magazin

DAS PTA MAGAZIN wendet sich an das Fachpersonal in der öffentlichen Apotheke, wobei die Zeitschrift insbesondere auf das berufliche Informationsbedürfnis der Pharmazeutisch-Technischen Assistentin eingeht.

www.das-pta-magazin.de

Springer Medizin

Springermedizin.de ist das Fortbildungs- und Informationsportal für Ärzte und Gesundheitsberufe, das für Qualität, Aktualität und gesichertes Wissen steht. Das umfangreiche CME-Angebot und die gezielte Berichterstattung für alle Fachgebiete unterstützen den Arbeitsalltag.

www.springermedizin.de

Newsletter

Mit unserem Newsletter erhalten Sie Fachinformationen künftig frei Haus – wöchentlich und kostenlos.