27.11.2018

Die Kur-Apotheke in Bad Aibling

von Gabi Kannamüller

Wer sich mit Dr. Günter Fleischmann und seiner Frau Beatrix unterhält, bekommt den Eindruck, in der Kur-Apotheke im oberbayerischen Bad Aibling findet stets zusammen, was zusammen gehört: Fachkompetenz und Engagement rund um Naturheilkunde und Homöopathie verbinden sich mit Unternehmergeist und Kreativität, die Historie des Hauses mit zukunftsorientierter Planung, Heimatverbundenheit mit überregionalem Denken. Das Ergebnis ist ein gelebtes Erfolgskonzept.

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Draußen vor der Apotheke leuchten die Blätter des Ginkgo-Baums in der goldenen Oktobersonne, drinnen im Labor bereitet sich Regina Schmid auf die Erkältungszeit vor. Die Labor-PTA mischt gerade den hauseigenen Hustensaft der Kur-Apotheke und wird dabei tatkräftig unterstützt von ihrer Kollegin Sigrid Hetz, die jede Flasche gleich nach dem Abfüllen mit einem Etikett versieht.

Naturheilkunde ist Programm

Der Hustensaft! Er war der Auslöser für den Besuch in der Apotheke. Denn die Mischung, die – je nach Einsatzgebiet – neben Thymian auch Schlüsselblume oder Eibisch enthält, ist seit langem über die Grenzen von Bad Aibling hinaus bekannt. Die Kunden wissen eben, dass er wirkt. Ihr Vertrauen erfüllt das Statement der Apothekenbetreiber mit Leben. „Neben der klassischen Schulmedizin liegt uns die Naturheilkunde besonders am Herzen“, ist auf der Website der Apotheke zu lesen. Ein simpler Satz, mit dem Dr. Günter und Mag. pharm. Beatrix Fleischmann die Ausrichtung ihrer Kur-Apotheke auf den Punkt bringen.

Von Anfang an „natürlich“ unterwegs

Dieses Engagement ist keineswegs einem Trend geschuldet. Nach der Promotion hatte Günter Fleischmann sich verstärkt der Naturheilkunde gewidmet, dies vor allem während längerer Aufenthalte in Italien und Südfrankreich. Umsetzen konnte er sein Wissen schließlich in einer naturheilkundlich orientierten Apotheke im Münchner Raum, wo er seine ersten Rezepturen entwickelte. „Mein damaliger Chef zeigte sich sehr aufgeschlossen und war ganz auf meiner Wellenlänge“. Beatrix Fleischmann wiederum ist homöopathisch spezialisierte Apothekerin aus Oberösterreich, hat ihren Magister an der Universität Innsbruck erworben und dort auch ihr Herz für Pflanzen und insbesondere Heilpflanzen entdeckt. 1996 übernahmen beide die Kur-Apotheke in Bad Aibling, einem Städtchen etwa 50 Kilometer südöstlich von München. Von Beginn an engagierten sie sich dort für Pflanzenheilkunde und Homöopathie und auch für die naturheilkundliche Bildung ihrer Kunden. Kräuterwanderungen haben sie von Anfang an veranstaltet – und tun dies heute mehr denn je. Allein in diesem Jahr waren sie mit ihren Kunden fünfmal unterwegs.

Kräuter und Heilpflanzen hat sich das Apothekerpaar aber auch selbst bis ans Haus geholt: Üppig und mit Hinweisschildern auf hochdeutsch, botanisch und bairisch versehen wachsen sie in großzügigen Blumenbeeten rund um den Eingangsbereich.

Apo-BO: „Jetzt erst recht!“

Über die Jahre bauten die Fleischmanns ihren Themenschwerpunkt „Naturheilmittel“ konsequent aus. Und dann kam das Jahr 2012 und mit ihm die „Vierte Verordnung zur Änderung der Apothekenbetriebsordnung“, die Günter Fleischmann einen „markanten Einschnitt“ nennt. Einschüchtern lassen wollte er sich auf keinen Fall. „Wir haben uns gesagt: Jetzt erst recht!“. Die Entscheidung stand: Die Kur-Apotheke setzt noch stärker darauf, ihr Profil im Bereich Naturheilmittel zu schärfen. Und das bedeutete: noch mehr Eigenherstellung, noch mehr Rezepturen, noch mehr Abstimmung mit gleichgesinnten naturheilkundlich orientierten Ärzten und Heilpraktikern.

Organisation-- „Wir konnten das nur machen, weil wir gut vorbereitet waren“, sagt Fleischmann heute. Die Rezepturen und die Eigenherstellung brachten zwar einen hohen Verwaltungsaufwand mit sich; dies bedeutete aber zugleich, dass die Waren perfekt organisiert, alle Rezepturen nach den Prüfungsvorschriften entwickelt und in einem Karteikartensystem festgehalten waren. Auch die Etiketten waren bereits designt und penibel im Computer abgelegt – fertig zum Ausdruck.


Kompetenz und Individualität

In der Folge weitete die Kur-Apotheke ihr Angebot stets aus. Neben Heilkräutern, Homöopathika und Schüßlersalzen bietet sie z. B. auch Teekräuter und Gewürze an. Hier setze man, so Beatrix Fleischmann, auf Arzneimittelqualität. Das Ziel sei, beim Bezug der Kräuter möglichst Schadstoffquellen auszuschalten. Auch wenn die Kur-Apotheke natürlich die gesamte Produkt- und Arzneimittelpalette dessen anbietet, was es in Apotheken gibt – die Eigenherstellung dominiert, zumindest stückzahlmäßig: Etwa 60 Prozent der Produkte, die über den HV-Tisch gehen, stammen aus der Industrie, 40 Prozent aus der Kur-Apotheke selbst – natürlich mit deren Logo versehen.

Versand von Urtinkturen per Online-Shop

Seit fast zwei Jahren hat die Apotheke überdies einen Online-Shop. Dort vertreibt Dr. Fleischmann homöopathische Urtinkturen zu 20, 50 und 100 Milliliter sowie individuelle Mischungen daraus – und hat damit eigenen Aussagen zufolge eine Alleinstellung für Endverbraucher im deutschsprachigen Raum. Aber auch viele Apotheken benötigen für ihr Labor nur kleine Mengen der Urtinkturen und können diese bis hin zu Litermengen als Rohware mit Zertifikat aus der Kur-Apotheke beziehen.

Überhaupt: die Individualität. Kunden, Heilpraktiker und naturheilkundlich orientierte Ärzte wissen die Ausrichtung der Kur-Apotheke zu schätzen. Anfragen und Bestellungen gehen aus dem weiten Umland ein. Der Stammkundenanteil ist hoch, und die Kunden kommen nicht nur aus Bad Aibling mit seinen rund 18 000 Einwohnern. Dort sind immerhin sechs Apotheken vertreten („vier wären normal bei dieser Bevölkerungszahl“, so Fleischmann), doch die Bevölkerungsstruktur (mit einem hohen Anteil älterer Menschen) und die große Therapeutendichte kommen den Apotheken zugute. Das Verhältnis sei kollegial, und zu bestimmten Themen würden die Kollegen sogar ihre Kunden in die Kur-Apotheke schicken, so Beatrix Fleischmann.

Ein Compendium sammelt das Fachwissen

Grund dafür dürfte nicht nur das spezielle Sortiment, sondern auch die hohe fachliche Kompetenz der Apotheke sein. Sie zeigt sich nicht zuletzt in der Qualifikation der Mitarbeiterinnen. Insgesamt 15 Leute zählt das Team der Kur-Apotheke inklusive der Teilzeitmitarbeiter. Zwei der PTA sind auch ausgebildete Heilpraktikerinnen, regelmäßige Schulungen halten das Fachwissen up to date – und dies nicht nur im Naturheilmittelbereich. Die Fachkompetenz schlägt sich zudem in einem Naturheilkundlichen Compendium nieder, das Dr. Günter Fleischmann verfasst hat und gedruckt sowie zum Download auf seiner Website anbietet. Und das, wie Beatrix Fleischmann feststellt, immer wieder auch von Kunden als Ansatz dafür genannt wird, warum sie in die Kur-Apotheke kommen.

Historie-- Sieht man das Compendium als Zentrum des Wissens, lagert das Herz der Apotheke im Keller: unzählige Flaschen mit Kräuterauszügen und Urtinkturen stehen alphabetisch geordnet und penibel aufgereiht im historischen Gewölbe. Nicht nur dort atmet die Kur-Apotheke Geschichte. Errichtet wurde das Haus bereits im Jahr 1882, die Kur-Apotheke wurde im Dezember 1949 gegründet. Von Grund auf saniert hat das Ehepaar Fleischmann Haus und Apotheke dann 2007 – mit dem Ziel, den Charakter des Hauses zu erhalten. Dieser spiegelt sich beispielsweise in den drei Laboren wider: Im „homöopathischen Labor“ im ersten Stock beispielsweise, in dem Beatrix Fleischmann u. a. Globuli herstellt und abfüllt, ist die historische Wandtäfelung erhalten, eine Fotogalerie verweist auf die Vorbesitzer.

Pragmatismus bis ins Detail

Gleich nebenan residiert auch die Kräuterfee der Apotheke. Ines Sitte mischt Tees oder erstellt Gewürzmischungen in einem ebenso penibel ordentlichen wie ansprechenden Ambiente. Zu verdanken ist dies auch den Edelstahldosen diverser Größen, die etliche Regalmeter befüllen. In diesen Dosen werden nicht nur Kräuter aufbewahrt. Vielmehr füllt die Kur-Apotheke darin auch Gewürze ab. „Sie stehen inzwischen dekorativ in vielen Küchen“, strahlt Dr. Fleischmann, weil die Kunden die Dosen zudem regelmäßig zum Wiederbefüllen in die Apotheke bringen.

Kleine Notiz am Rande: Die Dosen hat der Apotheker zunächst in einem Möbelhaus entdeckt und für gut befunden. Nachdem er sich die Adresse des Herstellers (mit Sitz in Indien) besorgt hatte, orderte er 10 000 Dosen unterschiedlicher Größe und ist seither mit Edelgefäßen eingedeckt.


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