28.01.2020

Depressionen

von Hannelore Gießen

Jeder Mensch ist hin und wieder unglücklich, lustlos, niedergeschlagen oder gar verzweifelt. Negative Stimmungen gehören zum Alltag. Sie verschwinden von selbst, und man kann lernen, sie zu überwinden.

Mann kann nicht einschlafen

© Focus Pocus LTD / stock.adobe.com (Symbolbild mit Fotomodell)

Fortbildung

Lernziele

In dieser Fortbildung erfahren Sie:

  • mehr über die möglichen Ursachen von Depressionen
  • wie depressive Episode nach ICD-10 eingestuft werden
  • wie Psychotherapie und Antidepressiva wie SSRI, NaSSA sowie SSNRI wirken
  • welche Möglichkeiten die Selbstmedikation von Depressionen bietet.
  • Eine Depression ist eine häufige Erkrankung der Psyche, die leicht, moderat oder schwer verlaufen und sich hinter körperlichen Beschwerden verbergen kann.
  • An Depressionen können Menschen beiderlei Geschlechts aus allen sozialen Schichten und sämtlichen Altersgruppen erkranken.
  • Wenn mindestens zwei Symptome, wie tiefe Niedergeschlagenheit, Freud- und Interesselosigkeit oder Antriebsschwäche, länger als zwei Wochen anhalten, kann eine Depression vorliegen.
  • Behandelt wird eine Depression mit Psychotherapie und Medikamenten.

Jede vierte Frau und jeder achte Mann erkranken im Lauf ihres Lebens an einer Depression. Doch die Diagnose muss kein fatales Schicksal bedeuten. Die meisten Patienten können erfolgreich behandelt werden. Grundsätzlich ist jeder Mensch hin und wieder unglücklich, lustlos, niedergeschlagen oder gar verzweifelt. Negative Stimmungen gehören zum Alltag. Sie verschwinden von selbst, und man kann lernen, sie zu überwinden.

Bei Menschen mit einer Depression ist das anders. Traurige Gefühle und düstere Gedanken dauern lange an und überschatten das gesamte Denken und Handeln. Sie können auch ohne auslösendes Ereignis oder erkennbaren Grund auftreten. Viele Betroffene fühlen sich, als seien sie in einem tiefen Loch gefangen. Gerade,wenn es keinen Grund für Schmerz und Niedergeschlagenheit zu geben scheint, ist es für die Umgebung schwierig, die Betroffenen zu verstehen und ihr Leid zu akzeptieren.

Kompletter CME-Artikel samt Fragebogen

Die Fortbildung zum Thema Cannabinoide in der Schmerzmedizin wurde am 18.11.2019 unter der Veranstaltungsnummer BAK/FB/2019/357-01 durch die Bundesapothekerkammer zertifiziert. Die Akkreditierung ist gültig vom 28.01.2020 bis 27.01.2021. Die Punkte verfallen nach Ablauf der Akkreditierung nicht.

Den kompletten Fortbildungstext und den Fragebogen können Sie hier kostenlos herunterladen.

Die schwarze Brille

Depressiven Menschen erscheinen Probleme oft unüberwindbar. Die Zukunft sehen sie wie durch eine schwarze Brille. Oft reagieren die Betroffenen gegenüber anderen empfindlich, verletzlich und vorwurfsvoll, aber auch aufbrausend, aggressiv und feindselig.

Depressive Menschen leiden unter starken Selbstzweifeln und empfinden sich als wertlos. Alltag, Arbeit oder Lernen fallen ihnen schwer, das Interesse an Hobbys, Freunden und Familie verblasst. Die schönen Dinge des Lebens zu genießen, gelingt ihnen immer seltener, ein freier Tag oder gar Urlaub wird zur Belastung.

Wurzeln und Triggerfaktoren

Die Frage, weshalb ein Mensch an einer Depression erkrankt, beschäftigt Betroffene und deren Angehörige ebenso wie Wissenschaftler. Was ein Mensch mit sich trägt, seine Gene und seine Familiengeschichte, spielen dabei ebenso mit wie physiologische, umweltbedingte und soziale Faktoren. Auch wenn Persönlichkeit, Lebenssituation und Genetik einer Depression den Boden bereiten, ausgelöst wird sie erst durch starke Belastungen, anhaltenden Stress oder den Verlust nahestehender Menschen durch Trennung, Scheidung oder Tod.

Stress

Als einer der Hauptrisikofaktoren für seelische Erkrankungen wurde Stress identifiziert. Dabei bedeutet Stress, dass der Organismus aus der Balance gerät. Der Körper aktiviert bei Gefahr physiologische Systeme, um sich den Anforderungen seiner Umgebung besser anzupassen. Werden diese Schutzsysteme jedoch durch Dauerstress überaktiviert, kann es zu einer Depression kommen. Vor allem Stress in der Kindheit bereitet bei entsprechender Disposition einer Depression oft den Boden.

Cortisol

Eines der physiologischen Systeme, das bei Stress aktiviert wird, ist die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse = hypothalamic-pituitary-adrenocortical axis), die dafür sorgt, dass das Stresshormon Cortisol ausgeschüttet wird. Cortisol drosselt das Immunsystem, um im Kampf ums nackte Überleben alle Kräfte für das Wesentliche zu bündeln. Bei etlichen depressiven Menschen konnte auch ein erhöhter Cortisolspiegel festgestellt werden.

Neurotransmitter

Auf neurobiologischer Ebene vermuten Wissenschaftler schon länger ein Ungleichgewicht verschiedener Hirnbotenstoffe als Ursache der Erkrankung. So weisen depressive Menschen oft einen zu niedrigen Spiegel des stimmungshebenden Neurotransmitters Serotonin auf. Auch die Neurotransmitter Noradrenalin und Dopamin geraten bei einer Depression aus dem Gleichgewicht.

Ein trüber Tagesbeginn

Häufig geht einer Depression ein veränderter Schlafrhythmus voraus. Die Betroffenen klagen vor allem über einen „zerhackten Schlaf“ sowie düstere Träume bis hin zu Alpträumen. Vor Morgengrauen wachen sie mit dem Gefühl auf, dass der neue Tag wie ein Berg vor ihnen steht. Oft haben sie auch ein „Morgentief“, eine düstere, lähmende Stimmung, die sich erst gegen Mittag aufzuhellen beginnt. Dauert die Störung länger an, fühlen sich die Menschen zunehmend erschöpft.

Anlaufstelle Apotheke

Erschöpfung ist häufig auch das Symptom, das viele angeben, wenn sie in der Apotheke Rat suchen. Daneben beschreiben sie diffuse Beschwerden, wie Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit, Schlafstörungen oder Konzentrationsschwäche. Die wenigsten Kunden verlangen ein Medikament gegen Depressionen, sondern suchen eher ein pflanzliches oder homöopathisches Mittel bei Erschöpfung oder ein Aufbaupräparat. Fragt ein Kunde immer wieder nach Beruhigungs- und Schmerzmitteln, sollte das Apothekenteam hellhörig werden und vorsichtig nach den Beschwerden fragen, um zu klären, ob sich hinter dem Kaufwunsch ein gravierendes Problem verbirgt und der Betroffene an einen Arzt verwiesen werden muss.

Einstufung

Jedes Jahr erkranken ein bis zwei Prozent aller Bundesbürger neu an einer Depression, Frauen etwa doppelt so häufig wie Männer. Depressive Episoden können in jedem Alter auftreten, wobei der Erkrankungsgipfel zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr liegt. Ein zweiter, etwas niedrigerer Erkrankungsgipfel liegt im Alter von 70 bis 75 Jahren.

Vermutlich leiden weit mehr Menschen an Depressionen, als die angeführten Zahlen zeigen. Viele Depressionen werden nicht als solche erkannt, weil sie sich hinter körperlichen Beschwerden verbergen, wie Schwindel, Herzrasen oder diffusen Schmerzen. Eine solche larvierte (verborgene) Depression ist wesentlich schwieriger zu diagnostizieren, als wenn ein Mensch offensichtlich verzweifelt ist und sich und die Welt düster sieht.

Umgekehrt können aber auch Erkrankungen des Körpers eine Depression nach sich ziehen, beispielsweise eine Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse, ein Diabetes mellitus und zahlreiche Herzerkrankungen. Auch neurologische Erkrankungen, wie Morbus Parkinson oder Alzheimer, treten häufig zusammen mit einer Depression auf.

Schwierige Diagnose

Eine Depression zu diagnostizieren, ist manchmal nicht einfach, da keine Laborparameter oder bildgebenden Verfahren die Krankheit eindeutig nachweisen können. Um herauszufinden, ob jemand erkrankt ist, geht der behandelnde Arzt in zwei Schritten vor: Durch Untersuchungen sowie gezielte Fragen versucht er, Erkrankungen auszuschließen, die ähnliche Symptome verursachen. Im nächsten Schritt erfragt er Beschwerden, die auf eine Depression hinweisen können: Die vier Hauptsymptome sind Niedergeschlagenheit, Freudlosigkeit, Interessenverlust und Antriebsschwäche.

Zusatzsymptome

Auch Schlafstörungen, Unruhe, Konzentrationsschwierigkeiten, vermindertes sexuelles Interesse, Selbstentwertung, übertriebene Schuldgefühle sowie Verarmungsängste können auf eine depressive Störung hinweisen. Sie gelten als Zusatzsymptome.

Depressive Episode

Die internationale Krankheitsklassifikation ICD-10 definiert eine depressive Episode, wenn mindestens zwei der Hauptsymptome und zwei Zusatzsymptome über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen vorhanden sind.

Unipolare Depression

Diese Definition trifft auf eine unipolare Depression zu, der weitaus häufigsten Variante einer depressiven Störung. Ihr Schweregrad wird in leicht, mittelgradig und schwer eingeteilt. Bei einer leichten Depression fühlt sich der Betroffene krank, kann jedoch seinen persönlichen und beruflichen Alltag noch bewältigen, während dies bei einer mittelgradigen Ausprägung nur noch eingeschränkt gelingt. Ein Patient mit einer schweren Depression braucht ständige Betreuung, da auch das Risiko eines Suizids nicht auszuschließen ist. Deshalb ist in vielen Fällen ein Klinikaufenthalt unumgänglich.

Chronisch depressive Verstimmung

Manche Menschen haben eine leichter ausgeprägte Stimmungsveränderung, die einer Depression ähnelt. Sie fühlen sich unwohl, unzufrieden und melancholisch, sind aber in ihrem täglichen Leben nicht so stark beeinträchtigt wie bei einer depressiven Episode. Die Beschwerden schwanken von Tag zu Tag und Woche zu Woche. Dauern die Beschwerden mindestens zwei Jahre an, spricht man von einer chronisch depressiven Verstimmung, deren Fachbezeichnung Dysthymie lautet. Obwohl die Symptome nicht so stark sind wie bei einer typischen Depression, kann eine Dysthymie aufgrund ihrer Dauer ebenso deutlich das Lebensgefühl beeinträchtigen.

Bipolare Störung

Eine besondere Form der Depression ist die bipolare Störung, die auch als manisch-depressive Störung bezeichnet wird. Sie tritt wesentlich seltener auf als eine unipolare Depression. Menschen mit einer bipolaren Störung durchleben abwechselnd Phasen, in denen sie depressiv sind, und Phasen, in denen sie geradezu euphorisch oder manisch sind. Dies kann so weit führen, dass der Bezug zur Realität verloren geht. In einer manischen Phase können die Betroffenen beispielsweise in einen extremen Kaufrausch verfallen.

Die Wochenbettdepression

Etwa 70 Prozent aller Frauen fallen kurz nach der Geburt in ein Stimmungstief, den „Baby-Blues“. Statt wie erwartet im Glück zu schwelgen, sind sie traurig, müde und gereizt. Plötzliche Änderungen im Hormonspiegel lösen vermutlich diese Talfahrt der Gefühle aus. Ein Baby-Blues verschwindet meist nach ein paar Tagen von selbst. Doch etwa 13 Prozent aller Frauen entwickeln sechs bis zwölf Wochen nach der Geburt eine Wochenbettdepression, die behandelt werden muss. Einer Mutter mit einer Wochenbettdepression fällt es oft sehr schwer, sich um ihr Kind zu kümmern, sodass sie noch zusätzlich Schuldgefühle entwickelt.

Therapie

Für die Therapie einer Depression stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung, in erster Linie eine Psychotherapie sowie eine medikamentöse Therapie. Bei der Behandlung unterscheidet man drei Stufen: Akuttherapie, Erhaltungstherapie und Rezidivprophylaxe.

Ziel einer Akuttherapie ist es, die Beschwerden des Patienten schnell zu lindern, damit er wieder in einem möglichst normalen Alltag leben kann. Die akute Therapie einer Depression dauert circa sechs bis zwölf Wochen.

Daran schließt sich eine Erhaltungstherapie von vier bis neun Monaten an. Ihr Ziel ist es, eventuell noch vorhandene Symptome zum Abklingen zu bringen, vor allem jedoch, den Therapieerfolg zu sichern. Häufig kann die Medikation der Akuttherapie in geringerer Dosis fortgeführt werden. Diese Phase durchzuhalten, fällt den Betroffenen, die sich meist wieder recht gut fühlen, besonders schwer. Sie müssen immer wieder motiviert werden, ihre Langzeitbehandlung durchzuhalten. Dazu kann auch das Apothekenteam viel beitragen.

Menschen, die schon mehrfach depressive Episoden durchlebt haben oder aufgrund ihrer Lebensumstände gefährdet sind, erneut zu erkranken, erhalten häufig eine Rezidivprophylaxe, die viele Jahre dauern kann. Sie zielt darauf ab, einen Rückfall zu verhindern.

Psychotherapie

In der psychotherapeutischen Behandlung einer Depression wird häufig die kognitive Verhaltenstherapie eingesetzt. Dabei soll der Betroffene problematische Verhaltensmuster erkennen und stufenweise üben, sie zu verlernen und neue Strategien aufzubauen, um auch schwierige, konfliktreiche Situationen zu bestehen. Ein anderes Verfahren ist die psychoanalytische bzw. tiefenpsychologisch fundierte Therapie, in der es vor allem um die Auflösung unbewusster innerer Konflikte geht, die aus der Kindheit stammen und das Verhalten in der Gegenwart beeinflussen.

Bei Depressionen sind es oft negative Denkmuster wie Selbstzweifel und Schuldgefühle, die den Kreislauf an Niedergeschlagenheit und Verzweiflung aufrechterhalten. Ein solches Muster kann in einer Psychotherapie Schritt für Schritt durchbrochen und im Gegenzug ein positives Selbstbild aufgebaut werden.

Bis vor wenigen Jahren galt die Meinung, Psychotherapie könne nicht auf biologische Weise wirken, weil die komplexen neuronalen Verbindungen im Gehirn schon in der frühen Kindheit festgelegt seien. Inzwischen weiß man, dass das Gehirn bis ins hohe Alter plastisch ist: Die neuronalen Verknüpfungen werden ständig umgebaut, um sie neuen Erfordernissen anzupassen. Genau das geschieht vermutlich während einer erfolgreichen Psychotherapie, aber auch bei einer medikamentösen Behandlung seelischer Erkrankungen. Pharmakotherapie und Psychotherapie ergänzen sich demnach.

Wichtig zu wissen

  • Eine Depression kann sich hinter vielen Beschwerden verstecken, die in der Selbstmedikation nachgefragt werden.
  • Dazu zählen Erschöpfung, Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit, Schlafstörungen und Konzentrationsschwäche.
  • Das Apothekenteam sollte bei wiederholten Anfragen eines Kunden in diesem Bereich hellhörig werden.
  • Eine Behandlung dieser Symptome im Rahmen der Selbstmedikation führt im Zweifelsfall zur Verzögerung einer adäquaten Therapie.

Arzneimitteltherapie

Besonders bei mittelschweren und schweren Depressionen ist eine sofortige medikamentöse Therapie unverzichtbar, da die Beschwerden sehr belastend sind. Das gilt auch für chronische Depressionen und bei Gedanken an eine Selbstgefährdung oder -tötung. Eingesetzt werden Antidepressiva, die in Abhängigkeit von der Substanz stimmungsaufhellend und depressionslösend wirken sowie psychomotorisch aktivierende oder dämpfende Effekte haben.

Klassische Antidepressiva: Tri- und Tetrazyklika

Sie wurden in der Mitte des letzten Jahrhunderts entwickelt. Nach ihrer chemischen Struktur werden sie in tri- und tetrazyklische Wirkstoffe unterteilt. Bei den Trizyklika haben Amitriptylin, Doxepin und Trimipramin eine gewisse klinische Bedeutung in der Behandlung von Depressionen. Ältere tetrazyklische Wirkstoffe (z. B. Maprotilin) werden nicht mehr häufig eingesetzt (s. a. NaSSA).

Trizyklika weisen erhebliche Nebenwirkungen auf, von Mundtrockenheit über Blutdruckabfall bis zu Verdauungs- und Herzbeschwerden.

Wichtig

Die Nebenwirkungen setzen früher ein als die Wirkung, auf die der Patient etwa zwei bis drei Wochen warten muss. Darauf sollten Betroffene, die zum ersten Mal Trizyklika einnehmen, unbedingt hingewiesen werden, damit sie die Therapie nicht vorzeitig abbrechen.

Trizyklika wirken unspezifisch auf eine ganze Reihe von Neurotransmitter-Systemen, unter anderem auf das dopaminerge, worauf die unerwünschten Wirkungen zurückzuführen sind. Dessen Botenstoff Dopamin entfaltet ganz unterschiedliche Effekte im Körper. Zum einen vermittelt er positive Gefühle und wird manchmal auch als Glückshormon bezeichnet. Zum anderen ist er aber auch an der Funktion von Herz und Kreislauf, Magen und Darm beteiligt. Gerade bei älteren Menschen sollten Trizyklika aufgrund ihrer zahlreichen unerwünschten Wirkungen möglichst gemieden werden.

SSRI, NaSSA, SSNRI, Melatoninanaloga

Wesentliche Fortschritte in der Therapie von Depressionen brachten Wirkstoffe, die gezielt die Neurotransmitter Serotonin und/oder Noradrenalin bei der Signalübertragung zwischen zwei Nervenzellen beeinflussen. Die Verstärkung der Botenstoffwirkung bei der Signalübertragung zwischen zwei Nervenzellen hat jedoch nur Modellcharakter: Vermutlich greifen Antidepressiva viel tiefer in gestörte komplexe Regelkreise ein. Die genauen Wirkmechanismen sind bis heute nicht bekannt.

Bis sich die depressiven Symptome tatsächlich verändern, vergehen zwei, drei oder vier Wochen. Ein wichtiger Aspekt für das Beratungsgespräch: Nur wenn ein Patient darüber Bescheid weiß, motiviert ihn das, die Therapie durchzuhalten.

SSRI

Zu den am häufigsten verordneten Substanzen gehören Citalopram, Sertralin, Fluoxetin, Paroxetin sowie Escitalopram. Sie hemmen vor allem die Wiederaufnahme des Neurotransmitters Serotonin in die Synapse und erhöhen so dessen Konzentration im synaptischen Spalt. Dadurch wird die Signalübertragung zwischen zwei Nervenzellen verstärkt. Diese Gruppe von Antidepressiva wird als Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) bezeichnet. Sie haben keine sedierende Komponente, sondern eher aktivierende Effekte.

NaSSA

Nach Citalopram ist Mirtazapin die am zweithäufigsten verordnete Substanz unter den Antidepressiva. Sie ist eine Weiterentwicklung des tetrazyklischen Wirkstoffes Mianserin und führt zu einer erhöhten Konzentration von Serotonin und Noradrenalin im synaptischen Spalt. Die Substanz wirkt sedierend und wird bei Depressionen mit Erregungszuständen eingesetzt, in niedriger Dosierung auch bei Schlafstörungen. Aufgrund seines Wirkungsansatzes wird Mirtazapin in die Wirkgruppe der NaSSA (noradrenergic and specific serotonergic antidepressant) bezeichnet.

SSNRI

Die Arzneistoffe Duloxetin und Venlafaxin erhöhen ebenfalls die Konzentration sowohl von Serotonin als auch Noradrenalin im synaptischen Spalt, wenn auch auf anderem Wege als Mirtazapin. Sie gehören zur Gruppe der Selektiven Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRI). Duloxetin und Venlafaxin wirken auch gegen Ängste und werden deshalb auch bei Angststörungen und Panikattacken eingesetzt. Da sie unter anderem keine relevante Affinität zu cholinergen Rezeptoren haben, fehlen die klassischen anticholinergen Nebenwirkungen (s. u.)

Melatonin-Analoga

Mit Agomelatin ist ein Antidepressivum auf dem Markt, das strukturell dem Epiphysenhormon Melatonin ähnelt. Die Substanz setzt als Antagonist an melatonergen sowie serotonergen Rezeptoren an. Sie wirkt antidepressiv, schlaffördernd und normalisiert den zirkadianen Rhythmus, der bei Depressionen gestört sein kann.

Unerwünschte Wirkungen

Zu den unerwünschten Wirkungen der älteren Antidepressiva zählen vor allem anticholinerge Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit, Kopfschmerzen, Kreislaufprobleme und innere Unruhe. Die meisten unerwünschten Effekte der modernen Antidepressiva sind zwar klinisch weniger schwerwiegend als die der Trizyklika, den Patienten können sie dennoch enorm belasten. Agitiertheit, Schlafstörungen, Nausea und sexuelle Funktionsstörungen sind typische Nebenwirkungen der SSRI, eine unerwünschte Gewichtszunahme schränkt bei manchen Patienten eine Therapie mit Mirtazapin ein.

Die meisten unerwünschten Wirkungen treten in den ersten Wochen der Einnahme auf. Ob, wie häufig und welche Nebenwirkungen vorkommen, hängt vom Wirkstoff und der jeweiligen Dosierung ab. Außerdem reagiert jeder Mensch unterschiedlich, da die Metabolisierung der Arzneistoffe je nach enzymatischer Ausstattung unterschiedlich schnell verläuft.

Verzögerter Wirkeintritt

Die Behandlung einer Depression erfordert Geduld und einen langen Atem. Während der ersten Behandlungswochen braucht der Patient besonders viel Unterstützung. Spürt er doch zuerst die Nebenwirkungen der Medikamente, bevor der erwünschte stimmungsaufhellende, beruhigende oder antriebssteigernde Effekt eintritt. Wirkt die Substanz schließlich wie erhofft, arbeitet der Patient unter dem anfangs hohen Leidensdruck meist gut mit. Je besser es ihm jedoch geht, desto weniger ist er bereit, unerwünschte Wirkungen zu tolerieren. Oft bricht er die Einnahme des Medikaments vorzeitig ab und riskiert einen Rückfall. Deshalb ist es wichtig, die Patienten immer wieder zu motivieren, die Behandlung durchzuhalten.

Zum Ende der Therapie wird die Dosierung der Tabletten über Wochen allmählich verringert. Ein abruptes Absetzen von Antidepressiva kann zu Schlafstörungen, Übelkeit oder Unruhe führen, aber auch ein Wiederaufflammen der Symptome nach sich ziehen.

Ein Fall für die Selbstmedikation?

Eine Selbstmedikation ist bei einer depressiven Symptomatik nur sehr eingeschränkt möglich, da die Behandlung eine ärztliche Diagnose voraussetzt. Ergeben sich Hinweise auf eine ausgeprägte depressive Störung, die vielleicht schon länger besteht, sollte der Betroffene immer an einen Arzt verwiesen werden. Dies dürfte umso eher gelingen, je mehr der Kunde dem Apothekenteam Vertrauen entgegenbringt. Ärztliche Hilfe benötigen auch Patienten mit Angstsymptomen sowie einer möglicherweise somatisierten Depression, bei der sich das psychische Geschehen in körperlichen Symptomen ausdrückt.

Johanniskraut

Bei leichten depressiven Episoden sind Arzneimittel, die einen konzentrierten Johanniskrautextrakt enthalten, eine Option. Die Tagesdosis sollte 600 bis 900 Milligramm standardisierter Extrakt betragen. Da auch Johanniskraut nicht sofort wirkt, muss dem Betroffenen vermittelt werden, dass er erst nach zwei bis vier Wochen eine Besserung seiner Symptome feststellen wird. Wenn die Beschwerden dann unverändert fortbestehen oder sogar noch zunehmen, sollte immer ärztlicher Rat eingeholt werden.

Bei Johanniskrautextrakt muss auf eine mögliche phototoxische Reaktion der Haut hingewiesen werden, da der Inhaltsstoff Hypericin die Empfindlichkeit gegenüber UV-Licht erhöht. Wer Johanniskrautextrakt einnimmt, braucht einen guten Lichtschutz.

Zudem müssen etliche Interaktionen beachtet werden, vor allem mit Immunsuppressiva, Zytostatika, HIV-Medikamenten und oralen Antikoagulanzien wie Phenprocoumon. Bei Patientinnen, die neben dem Johanniskrautextrakt orale Kontrazeptiva einnehmen, sind Zwischenblutungen und im Einzelfall auch ungewollte Schwangerschaften berichtet worden, wenn auch sehr selten. Trotzdem sollte von einer gemeinsamen Einnahme abgeraten oder zusätzliche Verhütungsmaßnahmen empfohlen werden.

Hoffnung auf neue Wirkstoffe

Die Behandlung von Depressionen hat sich in den letzten Jahren kontinuierlich verbessert. Richtig eingesetzt, wirken Antidepressiva bei etwa zwei Drittel bis drei Viertel der Patienten. Antidepressiva haben in der Öffentlichkeit jedoch keinen guten Ruf. Viele Menschen befürchten, abhängig zu werden. Deshalb werden die Medikamente oft lückenhaft und zu schwach dosiert eingenommen oder zu früh abgesetzt. Ein Abhängigkeitspotenzial besitzen jedoch nur Tranquilizer wie Benzodiazepine, die deshalb auch für einen kurzzeitigen Einsatz bestimmt sind, beispielsweise wenn sich ergänzend Angstsymptome einstellen.

Dennoch sind die heutigen Antidepressiva wegen der langen Dauer, die bis zum Wirkeintritt vergeht, der hohen Rückfallquote und den zum Teil erheblichen Nebenwirkungen noch unbefriedigend. Inzwischen werden zahlreiche Ansätze verfolgt, um neue Antidepressiva zu entwickeln, sodass in den nächsten Jahren auf eine weitere Verbesserung der Therapiemöglichkeiten zu hoffen ist.


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