28.05.2019

Blistern in der Praxis: Knackpunkt ist immer noch die Vergütung

Seit drei Jahren stellt die Baltic-Apotheke in Neustadt in Holstein patientenindividuelle Kartenblister her. Apothekenleiter Ralf Clostermann erläutert im Interview, worauf es bei der Verblisterung ankommt.

© picture-alliance/KEYSTONE

Originalartikel als PDF

Ralf Clostermann


© Foto: Ute de la Motte

Herr Clostermann, welche Vorteile bieten denn Blister aus der Apotheke?

Ralf Clostermann: Die Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) wird wesentlich erhöht. Wir schauen den Ärzten über die Schulter. Das ist ja unser Job. Ärzte sollen diagnostizieren, wir kennen uns mit Arzneimitteln aus. Wenn wir einen Medikationsplan zur Blisterung freigeben, dann kann man davon ausgehen, dass die angesetzten Arzneimittel für den Patienten die optimale Therapie sind.

Könnte eine Apotheke Rezeptur oder Labor zum Blistern nutzen?

RC: Wenn ein Angehöriger fragt: „Können Sie mal für meine Mutter eine Woche lang die Medikamente stellen, ich bin in Urlaub?“, dann darf man das im Rahmen des Rezepturalltags machen. Wenn aber regelmäßig Arzneimittel verblistert werden sollen, muss der Apotheker dafür einen separaten Raum haben.

In Schleswig-Holstein schreibt das zuständige Landesamt dessen Beschaffenheit und Ausstattung genau vor. Von Mitarbeiterschutz über staubdichte Tastaturen bis zur Überwachung der Qualität müssen Sie einiges beachten – alles Dinge, die angesichts des hochwertigen Endproduktes auch nachvollziehbar sind. Wenn man sich vorstellt, wie es in einem Pflegeheim abläuft, dann ist es im schlechtesten Fall ja so, dass das Essen des Mitarbeiters, der während der Nachtschicht das Stellen der Arzneimittel durchführt, mit auf dem Tisch steht und eine Ecke weiter noch die Urinprobe eines Bewohners. In der Apotheke entsprechen die gesetzlichen Vorgaben für die Herstellung von Blistern denen einer Rezeptur.

Ist es bei so vielen Regeln für den Blisterraum nicht einfacher, ein Blisterzentrum zu beauftragen?

RC: Selbermachen finde ich persönlich viel besser, weil man schneller auf Veränderungen reagieren kann. Wenn ich einen Blisterauftrag an ein Zentrum schicke, werden die fertigen Blister zwei Tage später geliefert. Sämtliche Änderungen, die währenddessen auflaufen, z.B. wenn ein Mediziner einen Hausbesuch macht, sind dann noch einzupflegen. Machen Sie die Blister selber, können Sie jederzeit flexibel und sicher Änderungen vornehmen – der ausgelieferte Blister ist somit stets aktuell.

Und welche rechtlichen Aspekte müssen beachtet werden?

RC: Wenn Sie für ein Heim verblistern, schließen Sie mit diesem als Zusatz zum bestehenden Versorgungsvertrag (§ 12a ApoG) einen Blistervertrag ab, in dem die Pflichten beider Seiten geregelt sind. Die Heimmitarbeiter müssen geschult werden, da sich manche Abläufe ändern. Der Bewohner (oder auch dessen Betreuer) muss eine Einwilligungserklärung zur Blisterung unterschreiben, denn für die Medikationsanalyse werden zum Teil auch sehr persönliche Daten wie Diagnosen, Krankenhausentlassungs- oder Laborberichte benötigt. Erst mit dieser Unterschrift kann ich zum Arzt sagen: „Ich finde die Dosierung zu hoch, denn der Patient wiegt nur noch 45 Kilo“.

Checkliste Blisterservice

Sie möchten auch mit dem Verblistern beginnen? Unsere kostenlose Checkliste zum Download liefert Denkanstöße, wie eine offene Kommunikation die Veränderung begleiten kann.

Wie haben Sie die Kommunikation mit dem Heim verbessert?

RC: Wir haben das Formular „Änderungsmitteilung“ erstellt, mit dessen Hilfe jede wichtige Information über einen Bewohner an die Apotheke übermittelt wird. Hat der Hausarzt gewechselt? Wurden Medikamente abgesetzt? Sind neue dazugekommen? Ist der Bewohner innerhalb des Hauses umgezogen? Das sind wichtige Informationen, die der Apotheke sofort zu übermitteln sind, damit korrekte Blister hergestellt werden können.

Welche Sorgen haben Angehörige, wenn die Apotheke das Blistern übernimmt?

RC: Wenn von einem Heim die Arzneimittelversorgung auf die Apotheke übergeht, denken Angehörige im ersten Moment, es wird teurer. Diese kann man vorweg auf einem Angehörigenabend beruhigen, denn das Heim muss für das Blistern zahlen. Das Antikorruptionsgesetz verbietet, für Heime kostenfrei Blister herzustellen. Jeder Apotheker, der für die Verblisterung kein Geld in für den Aufwand angemessener Höhe vom Heim verlangt, sollte finanziell so hoch bestraft werden, dass diese Strafe auch eine Wirkung hat. Blistern ist etwas, das man fest in seinen Apothekenalltag integrieren muss. Es ist eine dauerhafte Verpflichtung mit dem Blick in die Zukunft.

Wo hakt es in der Kommunikation mit Ärzten?

RC: Ärzte haben anfangs meist eine Abneigung gegen die Verblisterung, denn sie fühlen sich in ihrer Freiheit eingeschränkt und bevormundet. Diese legt sich jedoch sehr schnell. Kein Apotheker will die Therapiefreiheit der Ärzte einschränken, aber gesetzliche Vorgaben der Apotheke oder pharmazeutische Gründe führen manchmal dazu, dass man dem Arzt sagen muss: „Sorry, das geht so nicht“. Wir kennen die beteiligten Ärzte hier in der Kleinstadt; inzwischen akzeptieren sie uns als gleichwertige Partner. Der Patient steht im Vordergrund.

Kann man mit Blistern Geld verdienen?

RC: Die Arbeit, die in einem Blister steckt, bekommen Sie vom Heim nicht vergütet. Definitiv nicht. Auf mehreren Blister-Symposien habe ich schon von gängigen Vergütungen pro Blister in Höhe von 50 Cent bis fünf Euro gehört. In der Anfangszeit des Blisterns habe ich die investierte Zeit aller beteiligten Mitarbeiter notiert. Da kam ich auf 6,91 Euro (ohne Material) pro Blister. Sie werden aber von keinem Heim eine Vergütung in dieser Höhe erhalten. Sie verdienen im Prinzip daran, dass Sie das Heim komplett beliefern, auch mit nicht zu verblisternden Artikeln wie Cremes, Tropfen oder Verbandsstoffen.

Jede Apotheke würde natürlich am liebsten wie früher einfach nur volle Packungen an ein Heim liefern. Es ist aber für die Bewohner und auch jeden anderen Kunden mit mehreren Arzneimitteln unter dem Aspekt der Arzneimitteltherapiesicherheit sehr von Vorteil, wenn eine Apotheke die Medikation überprüft und verblistert. Durch unsere Arbeit werden Arzneimittel eingespart. Wir sehen: Das und das ist zu viel oder das widerspricht sich. Die Apotheke verringert grundsätzlich die Kosten für das System. Also müsste nach meinem Empfinden das System auch für diese Dienstleistungen aufkommen.

Das Interview führte Christoph Niekamp


Artikel teilen

Kommentare (0)

Kommentar schreiben

Die Meinung und Diskussion unserer Nutzer ist ausdrücklich erwünscht. Bitte achten Sie im Sinne einer angenehmen Kommunikation auf unsere Netiquette und Nutzungsbedingungen. Vielen Dank!

* Pflichtfeld

Das PTA Magazin

DAS PTA MAGAZIN wendet sich an das Fachpersonal in der öffentlichen Apotheke, wobei die Zeitschrift insbesondere auf das berufliche Informationsbedürfnis der Pharmazeutisch-Technischen Assistentin eingeht.

www.das-pta-magazin.de

Springer Medizin

Springermedizin.de ist das Fortbildungs- und Informationsportal für Ärzte und Gesundheitsberufe, das für Qualität, Aktualität und gesichertes Wissen steht. Das umfangreiche CME-Angebot und die gezielte Berichterstattung für alle Fachgebiete unterstützen den Arbeitsalltag.

www.springermedizin.de

Newsletter

Mit unserem Newsletter erhalten Sie Fachinformationen künftig frei Haus – wöchentlich und kostenlos.