27.11.2017

Beratungsfall Übelkeit und Brechreiz

© courtneyk / Getty Images / iStoc

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von Pia Krämer

„Einmal Kaiser Natron“, verlangt der ältere Herr in bestimmtem Ton. „Oh, ich glaube, das muss ich bestellen“, sagt die Pharmaziepraktikantin Lisa bedauernd. „Das ist im letzten Jahr nur einmal verlangt worden, aber um ein Uhr hätte ich es da!“. „Früher hatte jede Apotheke Na-tron“, seufzt der Kunde. „Ein wirklich gutes altes Hausmittel gegen Magenverstimmung.“ „Da gibt es heute viel modernere Wirkstoffe“, erklärt Lisa, „was haben Sie denn genau für Beschwerden?“. „Junge Frau, ich weiß schon, was gut für mich ist!“, blockt der Mann ab, „etwas Modernes brauche ich nicht“ .

Gestörte Beziehung retten

Lisa möchte dem Kunden schnellstmöglich behilflich sein, ihre sachlich gemeinte Botschaft gelangt jedoch ins völlig falsche Ohr. Ein Mittel, das nur selten verlangt wird, jetzt extra bestellt werden muss und zudem noch unmodern ist – welches Gefühl hat ein Kunde, der so etwas verlangt, wohl?

TIPP!

Auch, wenn Sie im Grunde ein geeigneteres Produkt empfehlen möchten, stimmt eine wertschätzende Bemerkung zum verlangten Arzneimittel den Kunden positiv auf die Beratungssituation ein. Beispiel: Die Aussage „Natron ist ein altbekanntes, traditionelles Mittel“ ist ein neutral-wohlwollender Einstieg ins Gespräch.

Zielorientiert informieren

Das „4-Ohren-Modell“ des Kommunikationswissenschaftlers Friedemann Schulz von Thun besagt, dass eine Botschaft auf verschiedenen Ebenen gehört wird: Der ältere Herr reagiert stark auf der Beziehungsebene, er fühlt sich herabgesetzt und in seinen Wünschen bevormundet. Die Information, welche Beschwerden er genau behandeln möchte, wird nicht preisgegeben – die Beziehung ist gestört. Um wieder mit dem Kunden in Kontakt zu kommen, ist es wichtig, auf nonverbale Signale wie die Mimik und den Tonfall zu achten sowie Reizworte zu vermeiden. Ein Bestellsatz ohne „muss“ könnte lauten: „Ich bestelle das Natron gerne für Sie bis ein Uhr“. Oder noch zielorientierter: „Um ein Uhr habe ich es für Sie da“.

Analytische Fragen stellen

Geht der Kunde auf das Angebot ein, können einige Analysefragen gestellt werden, zunächst: „Brauchen Sie es für sich selbst?“ und „Wogegen wollen Sie es einnehmen?“.

Der Kunde gibt den Hinweis auf eine Magenverstimmung; wie äußert sie sich genau? Liegen Übelkeit und Brechreiz vor, sollte in der Offizin gezielt nach dem Verlauf der Beschwerden (plötzlich, einmalig oder wiederkehrend) sowie bestehenden Grunderkrankungen gefragt werden. Wichtig ist ein Verweis auf den Arzt, wenn Kinder unter sechs Jahre und Schwangere betroffen sind.

„Es gibt eine große Auswahl an wirksamen Arzneimitteln gegen Übelkeit und Brechreiz. Wenn Sie jetzt sofort etwas tun möchten, zeige ich Ihnen gerne etwas Gutes“. Damit kann übergeleitet werden zu einer Natron-Alternative. Die offene Formulierung lässt zu, dass unterstützend eine passende Begleitmedikation mitgebracht und vorgestellt wird.

Erklären und beraten

„Ich empfehle Ihnen diese pflanzlichen Tropfen, die den verstimmten Magen schnell wieder ins Gleichgewicht bringen“, sagt Lisa, „und wenn Sie in den nächsten Tagen Ihren Magen schonen möchten, können Sie sich nach der BRAT-Diät ernähren: Bananen, Reis, Apfelmus und Toast. Diese Lebensmittel sind fettarm und leicht verdaulich. Es ist wichtig, viel zu trinken, geeignet sind stilles Wasser, Pfefferminz- oder leichter schwarzer Tee. Und Ihr Natron bestelle ich Ihnen gerne, wenn Sie möchten, bringt unser Bote es Ihnen heute Abend nach Hause“.

Der ältere Herr ist sehr zufrieden mit der Beratung durch die Pharmaziepraktikantin und mit dem Angebot, das Natron geliefert zu bekommen. Als er das nächste Mal in die Apotheke kommt, sagt er zu Lisa: „Ich hätte schon viel früher mal etwas Modernes probieren sollen. Diese pflanzlichen Tropfen, zusammen mit der Diät, haben mir sehr gut geholfen. Und stellen Sie sich vor: Das Natron habe ich gar nicht gebraucht!“. Diese Kundenbeziehung konnte also gerettet werden.

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Der Hintergrund

Ein flaues, mulmiges Gefühl im Bauch, Schweiß auf der Stirn, ein drastisch erhöhter Speichelfluss und ein Gesicht, aus dem jede Farbe gewichen ist: Ab einem gewissen Zeitpunkt nehmen Übelkeit und Würgereiz so überhand, dass schließlich Erbrechen einsetzt. Wohl jeder Mensch hat diese Symptome schon einmal erlebt. Doch auch, wenn er sehr unangenehm ist, schützt der Brechreflex den Körper vor verdorbener Nahrung, Giftstoffen und schädlichen Mikroorganismen. Hauptsächlich zu nennen sind hier Salmonellen, Coli-Bakterien und Campylobakter.

Gesteuert im Gehirn

Das Brechzentrum, lokalisiert im verlängerten Rückenmark (Medulla oblongata), ist die Steuerzentrale, die Impulse aus bestimmten Hirnbereichen (Gleichgewichtsorgan, Kleinhirn) sowie aus dem Magen-Darm-Trakt (Nervus vagus) empfängt und auswertet. Je nach Stärke der Signale wird eine Ja-oder-Nein-Entscheidung getroffen. Neurotransmitter wie Dopamin, Serotonin, Acetylcholin, Substanz P und Histamin sind maßgeblich an der Auslösung des Brechaktes beteiligt. Über sehr komplexe und noch nicht restlos aufgeklärte neuronale Verschaltungen wird der Brechreflex ausgelöst: Die Muskulatur des Magens, des Zwerchfells und des Bauches spannt sich an, der Magenpförtnermuskel öffnet sich, sodass Mageninhalt mittels reverser Peristaltik über die Speiseröhre nach oben befördert wird. Gelangt dieser dann noch an die Rachenhinterwand, wird zusätzlich ein Würgereflex ausgelöst.

Im Gegensatz zu anderen Spezies (Ratten, Pferde) ist der menschliche Gastrointestinaltrakt in der Lage, sich durch Erbrechen oder Durchfall schnell von einem fragwürdigen Magen- bzw. Darminhalt zu befreien. Auch eine starke Übelkeit ist ein sinnvolles Warnsignal: Der Betroffene wird Nahrung zunächst ganz meiden bzw. Nahrungsmittel sehr bewusst und vorsichtig auswählen.

Vielfältige Ursachen

Die Ursachen für Übelkeit und Erbrechen sind vielfältig: verdorbene oder üppige Speisen können ebenso dahinterstecken wie Sinnesreize (Gerüche, Schwindel, starke Schmerzen oder Migräne, optische Signale), Arzneimittel (z. B. Chemotherapeutika), erhöhter Hirndruck, eine Magenschleimhautentzündung, übermäßiger Alkoholkonsum, eine Schwangerschaft, Schiffsreisen und vieles mehr. Übelkeit und Erbrechen sind häufig selbstlimitierend und gut in der Selbstmedikation behandelbar. Tritt nach sieben Tagen keine Besserung ein, sollte ein Arzt konsultiert werden. Alarmsymptome sind rasche Gewichtsabnahme, Fieber und ein schweres Krankheitsgefühl.

Therapieoptionen

Gängige Antiemetika enthalten häufig zen-tral wirksame Antihistaminika der ersten Generation: Dimenhydrinat und Diphenhydramin (8-Chlortheophyllin). Studien belegen einen Nutzen bei Übelkeit und Erbrechen, aber auch eine Dämpfung des zentralen Nervensystems mit den Symptomen Müdigkeit und Benommenheit. Nicht umsonst enthalten auch apothekenpflichtige Schlafmittel diesen Wirkstoff.

Ingwer-- Ingwerwurzelstock (Zingiberis rhizoma) hat von der Kommission E eine positive Bewertung bekommen, die Anwendungsgebiete sind dyspeptische Beschwerden und Verhütung der Reisekrankheit. Er ist in verschiedenen Darreichungsformen wie Dragees, Tropfen oder Lutschtabletten erhältlich. In der Schwangerschaft und bei Gallensteinleiden darf Ingwer nicht eingesetzt werden.

Beruhigend auf den Magen wirken Pflanzenextrakte aus schwarzem Tee (nur kurz ziehen lassen), Kamillenblüten, Fenchelsamen, Melissen- oder Wermutblättern, ebenso wie kombinierte Phytopharmaka mit Iberis amara und anderen Pflanzenauszügen.

Eine natürliche Ergänzung sind Vitamine der B-Gruppe, die sich auch bei Schwangerschaftsübelkeit bewährt haben. Ein Therapieversuch kann mit homöopathischen Mitteln unternommen werden, ebenso mit einem hoch dosierten Vitamin-C-Präparat, das, frühzeitig als Lutschtablette zugeführt, einen flauen Magen beruhigt. Akupressur-Armbänder, die am Handgelenk getragen werden, üben mithilfe eines Kunststoffknopfes Druck auf den Nei-Kuan-Punkt aus und sollen so die Übelkeit mildern.

OTC-Produktbeispiele*: Übelkeit und Brechreiz

Warengruppe/ Therapierichtung

Inhaltsstoff(e)

Präparate

Antiemetika

Dimenhydrinat

Diphenhydramin (8-Chlortheophyllin)

Vomacur ®, Vertigo Vomex ® SR

Emesan ®

Phytopharmaka (FAM)

Ingwerwurzelstock

Iberis amara (Hauptbestandteil)

Zintona ®, Klosterfrau Melissengeist

Iberogast ®

Phytopharmaka (Drogen/Tees)

Kamillenblüten, Fenchelsamen, Melissenblätter, Wermutblätter

Sidroga ®-, H&S ®-Sortiment

Vitamine

(alle) B-Vitamine

Vitamin C

Vitamin B-Loges ® komplett, Vitamin B Complete Hevert ®, Nausema ®

Ascorvit ®, Cetebe ® Vitamin C Retardkapseln

Homöopathie (Komplex)

Anamirta cocculus D4, Conium maculatum D3, Ambra grisea D6, Petroleum rectificatum D8

Nicotiana tabacum D4, Anamirta cocculus D4, Conium maculatum D3

Vertigoheel ®

Vertigo Hevert ® SL

Akupressur

Sea-Band ® Akupressurband

*ohne Anspruch auf Vollständigkeit (Stand Lauer-Taxe 20.10.2017)


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