30.01.2017

Arbeitsschutz: Ganz modern

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Text: Dr. Michael Putzker, Rebecca Tomaselli, Dr. Thomas Klose

In der Apotheke richtet sich der Blick vorrangig auf die Gesundheit der Kunden. Doch sollte auch der Arbeitsschutz der Mitarbeiter regelmäßig auf dem Prüfstand stehen. Wichtige Grundlagen hierzu liefert die vor nunmehr gut drei Jahren in Kraft getretene Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge (ArbMedVV): Sie sieht Maßnahmen vor, die auch den Apothekenalltag berühren. Wir fassen zusammen, auf welche Punkte es hierbei ankommt – und zeigen am Beispiel der Sonnenschein und Regenbogen Apotheke Koblenz, wie sich Arbeitsschutz in der Praxis sinnvoll umsetzen lässt.

Den Arbeitsalltag in einer öffentlichen Apotheke prägen bekanntlich eine stattliche Anzahl an Regularien, darunter das Arzneimittelgesetz (AMG), die Arzneimittel- und Wirkstoffherstellungsverordnung (AMWHV), das Apothekengesetz (ApoG) und die Apothekenbetriebsordnung (ApBetrO). Ob die darin niedergelegten einschlägigen Vorschriften eingehalten werden, wird regelmäßig durch die pharmazeutische Revision der zuständigen Fachaufsicht überprüft. Insofern unterliegt dies einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess (KVP).

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Arbeitsschutz beginnt mit der Gefährdungsbeurteilung. Unsere Checkliste hilft dabei. 

Gesetzesgrundlage-- Viel weniger bekannt als die genannten Regularien ist hingegen das Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG, August 1996, zuletzt geändert Oktober 2013). Es verpflichtet den Arbeitgeber – unabhängig von Branche, Unternehmensgröße und sonstigen Faktoren – „die erforderlichen Maßnahmen des Arbeitsschutzes unter Berücksichtigung der Umstände zu treffen, die Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten bei der Arbeit beeinflussen“. Demnach muss er die Maßnahmen auf ihre Wirksamkeit überprüfen „und erforderlichenfalls sich ändernden Gegebenheiten anpassen“. Dabei hat der Arbeitgeber „eine Verbesserung von Sicherheit und Gesundheitsschutz der Beschäftigten anzustreben“.

Der Gesetzgeber schreibt also unmissverständlich fest, welche Pflichten jeder öffentliche oder privatwirtschaftliche Arbeitgeber hat, damit Verletzungen möglichst ausgeschlossen sind und die Mitarbeiter gesund bleiben – darunter fällt im Übrigen auch die psychische Gesundheit. Nur wenige Berufsgruppen wie z. B. Hausangestellte oder Seeleute sind hier ausgenommen, weil für sie spezielle Regelungen existieren.

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Mehrfach aktiv-- Eine ganze Reihe von Maßnahmen sind notwendig, um die Gefährdungen am Arbeitsplatz Apothe so gering wie möglich zu halten.

Historie und Hintergrund

Ob Unternehmen arbeitsschutzrechtliche Vorgaben auch einhalten – dies überwachen in Deutschland gemäß dem bestehenden dualen System zum einen die Berufsgenossenschaften und dies bundeseinheitlich und vorwiegend branchenspezifisch. Sie orientieren sich dabei an dem berufsgenossenschaftlichen Vorschriften- und Regelwerk. Zum anderen vollziehen die Gewerbeaufsichtsämter den staatlichen Arbeitsschutz auf Ebene der Bundesländer (z.B. Arbeitsschutzgesetz, Betriebssicherheitsverordnung, Arbeitsstättenverordnung, Mutterschutzgesetz, Jugendarbeitsschutzgesetz, Arbeitszeitgesetz).

Aufsicht-- Grundsätzlich können beide Institutionen Defizite im Arbeitsschutz beanstanden. Allerdings wird die Aufsichtspflicht – vor allem in kleinen Betrieben, zu denen üblicherweise auch öffentliche Apotheken zählen – aus Gründen fehlender Personalausstattung der genannten Behörden nicht konsequent ausgeübt. So hat es sich in der Folge eingebürgert, den Arbeitsschutz in kleinen Betrieben auch eher „stiefkindlich“ zu handhaben. Ausnahmen bilden nur die Bereiche, die in Apotheken auch von den pharmazeutischen Aufsichtsbehörden geprüft werden – wie etwa die Umsetzung des Gefahrstoffrechts.

Aktuelle Einschätzungen

In den Berufsverbänden allerdings scheint das Thema Arbeitsschutz in Apotheken noch nicht richtig verankert. Diese Vermutung zumindest legt die Antwort nahe, die der Apothekerverband Rheinland-Pfalz auf folgende Anfrage gab: „Ist eine schriftliche Gefährdungsbeurteilung einschließlich eines Kanons an Schutzmaßnahmen erforderlich? Und ist eine betriebsärztliche Vorsorge bei Mitarbeitern (Apotheker, PTA, PKA, sonstiges Personal wie Fahrer, Reinigungskräfte) im Rahmen der neuen ArbMedVV für alle, oder zumindest für ausgewählte Arbeitsbereiche notwendig?“

Diskrepanz-- Nach Einschätzung der Standesvertretung gibt es keine grundsätzliche Verpflichtung für das eine wie für das andere – zumal der Aufwand insbesondere für kleinere Apotheken unverhältnismäßig hoch sei. Ganz anders sieht dies die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW). Mit den gleichen Fragen konfrontiert, vertritt sie die Auffassung, dass beides in jeder Apotheke unabdingbar sei, sowohl infolge der Rechtsverbindlichkeit der gesetzgeberischen Vorgaben als auch zum Selbstschutz des Unternehmers für den Fall, dass ein Schaden eintritt.

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Das Betriebsschutzformular der Sonnenschein und Regenbogen Apotheke Koblenz kann als Vorlage für eigene Entwürfe dienen.

Das Regelwerk im Detail

Bereits 2008 hat das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) aus der Gefahrstoffverordnung und der Biostoffverordnung die Vorgaben zur arbeitsmedizinischen Vorsorge in der ArbMedVV zu einem einheitlichen Regelwerk zusammengefasst. Eine Novellierung folgte dann im November 2013.

ArbMedVV: Was sie vorschreibt

Die Verordnung beinhaltet im Wesentlichen die Vorsorge und Beratung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern durch einen Betriebsarzt. Weitere wesentliche Charakteristika sind:

  • Beratung und Selbstbestimmungsrechte der Beschäftigten werden ausdrücklich betont.
  • Hält der Arzt im Rahmen der Eignungsuntersuchung einen Tätigkeitswechsel für notwendig, darf er dies dem Arbeitgeber nur mit Zustimmung des Beschäftigten mitteilen.
  • Die arbeitsmedizinische Vorsorge findet anonym statt: Der Arbeitgeber erhält nur die Information, dass und wann Vorsorge stattfand.
  • Ziel ist ein frühes Erkennen gesundheitlicher Fehlbelastungen im Betrieb, damit frühes Entgegenwirken möglich ist (prospektiver Arbeitsschutz).
  • Termine zur Vorsorge finden während der Arbeitszeit statt, entstehende Kosten hat das Unternehmen zu tragen, es sei denn, der Arbeitnehmer sucht einen anderen Betriebsarzt eigener Wahl auf.
  • Der Beschäftigte kann Untersuchungen grundsätzlich ablehnen, nicht jedoch die Beratung durch den Betriebsarzt als solche.

Die Gefährdung beurteilen

Das zentrale Element modernen Arbeitsschutzes ist die Gefährdungsbeurteilung. Da es in Apotheken in der Regel verschiedene Arbeitstätigkeiten mit sehr unterschiedlichem Gefährdungspotenzial gibt, bietet es sich an – um den Aufwand ohne Qualitätsverlust zu minimieren – diese nicht primär für einzelne Beschäftigte, sondern für den jeweiligen Arbeitsplatz zu erstellen. Dazu zählen:

  • Kundenbedienung im Offizinbereich
  • Blutentnahme und -untersuchung
  • Bürotätigkeit
  • Auspacken und Einräumen, Bestückung des Ausgabeautomaten
  • Herstellung und Prüfung von sterilen Lösungen
  • Rezeptur und Defektur
  • angewandte Fußpflege und Kosmetik an Kunden
  • Botendienst
  • Reinigung und Desinfektion.

Übernimmt ein Mitarbeiter eine dieser Tätigkeiten, wird ihm die zugeordnete Gefährdungsbeurteilung ausgehändigt und die damit verbundenen Schutzmaßnahmen werden eingeleitet – inklusive der arbeitsmedizinischen Vorsorge. Bei dieser werden folgende Elemente unterschieden.

Pflichtvorsorge: Diese muss bei bestimmten, besonders gefährdenden Tätigkeiten veranlasst werden (Beispiele: Feuchtarbeit über länger als vier Stunden täglich, Blutentnahme).

Angebotsvorsorge: Sie muss bei bestimmten, gefährdenden Tätigkeiten veranlasst werden (Beispiel: Feuchtarbeit, die zwei bis vier Stunden täglich andauert, aber auch das Heben und Tragen von Lasten).

Wunschvorsorge: Diese muss bei Tätigkeiten mit nicht auszuschließendem Gesundheitsschaden auf Wunsch des Beschäftigten ermöglicht werden (Beispiel: Augenuntersuchung bei Bildschirmtätigkeit).

Impfungen: Sie sind bei allen drei Vorsorgearten möglich. Sie sind grundsätzlich ein Angebot an den Beschäftigten, das dieser auch ablehnen kann. Wer allerdings z.B. das Angebot einer Hepatitis-B-Impfung nicht annimmt, kann von Arbeitsplätzen mit Blutkontakt ausgeschlossen werden – und gefährdet sich zudem selbst massiv.

Praktische Umsetzung

In der Sonnenschein und Regenbogen Apotheke Koblenz waren die Maßnahmen zum Arbeitsschutz vormals durchaus unstrukturiert. Zum Unternehmen gehören neben den beiden öffentlichen Apotheken mit jeweiliger Rezeptur/Defektur auch ein Kosmetikinstitut namens „Taufrisch“ und ein Sterillabor; dieses betreibt einen Botendienst und besitzt eine Versandhandelserlaubnis.

Die Sonnenschein und Regenbogen Apotheke haben ein Qualitätsmanagementsystem, das 2012 eine Zertifizierung nach der internationalen Norm DIN EN ISO/IEC 9001:2008 erhalten hat, die 2017 auf 9001:2015 umgestellt werden wird.

Dr. Thomas Klose, Inhaber der beiden Apotheken, stellte sich erst nach der Novellierung der ArbMedVV im November 2013 die Frage, was denn diese Verordnung überhaupt beinhaltet und welche generellen Maßnahmen zum Arbeitsschutz für die Apotheken möglicherweise ergriffen werden sollten. Dann aber wurde er aktiv.

So funktioniert es in der Praxis

Die Sonnenschein und Regenbogen Apotheke haben eine ganze Reihe von Maßnahmen angeschoben. So wurde der Arbeits- und Gesundheitsschutz grundsätzlich in das Qualitätsmanagement (QM) des Unternehmens integriert. Dazu hat man eine Verfahrensanweisung erstellt, die alle Aspekte betriebsverbindlich regelt. Die Formblätter für alle erforderlichen Unterweisungen wurden überarbeitet, erweitert und teilweise neu gestaltet.

Für besonders brisante Prozesse wie die Zytostatikaherstellung gibt es nun eigene Betriebsanweisungen; sie wurden an den betreffenden Arbeitsplätzen ausgehängt, die Mitarbeiter zudem entsprechend geschult und überdies aufgefordert – wie im QM gewohnt – auch im Bereich Arbeitsschutz und Hygiene eigene Erfahrungen und Erkenntnisse in die Fortentwicklung des Arbeitsschutzmanagements einzubringen (KVP).

Ganz persönlich-- Für alle Mitarbeitergruppen (Apotheker generell, Apothekenleiter, PTA und Praktikanten, PTA in der Sterilherstellung, PKA (inkl. Azubi), Reinigungsfachkraft, Fahrer im Botendienst, Beauftragter für Qualitätsmanagement (QMB) und sonstige Bürotätigkeit) hat man schließlich im Zuge des Prozesses umfassende Gefährdungsbeurteilungen auf der Basis der dafür im Internet angebotenen Formulare der BGW (zuständige Berufsgenossenschaft) erstellt. Jedem Mitarbeiter wurde die für seine Tätigkeit gültige Gefährdungsbeurteilung dann personalisiert und unterschrieben ausgehändigt.

Regelmäßig-- Mindestens einmal jährlich und bei einem entsprechenden Anlass (neue Tätigkeit, neuer Mitarbeiter, geänderte Vorschriftenlage, eingetretenes Schadensereignis etc.) wird die Unterweisung wiederholt und dabei auch die Gefährdungsbeurteilung selbst – soweit nötig – aktualisiert. Das wird auch entsprechend dokumentiert (wer, wann, Ergebnis, Termin nächste Prüfung). Darüber hinaus finden zweimal jährlich für das gesamte Personal Fortbildungen zum Thema Arbeitsschutz und Hygiene statt, durchgeführt vom QMB (gleichzeitig FAS und Hygienebeauftragter GMP). Beispiel: virologische und epidemiologische Hintergründe des saisonalen Influenzageschehens mit Impfprophylaxe in Verbindung mit anderen Schutzmaßnahmen für das Apothekenpersonal und einem Notfallplan bei massivem Personalausfall.

Vorsorge-- Für alle Mitarbeiter hat man im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung auch die persönliche Vorsorgesituation ermittelt. Im Bedarfsfall wurden die Mitarbeiter zu einem ortsansässigen Betriebsmedizinischen Dienst entsandt, um Pflichtvorsorgen durchführen zu lassen, ggfs. auch Angebots- und Wunschvorsorgen. So wurden Impftiter für Hepatitis B (anti-HBs im Serum) ermittelt und ggfs. Immunisierungen bzw. Boosterungen vorgenommen.

Zertifizierung-- Seit Mai 2016 sind die Apotheken und angegliederten Arbeitsbereiche auf der Basis dieser Maßnahmen nach der einzig derzeit verfügbaren britischen Norm BS OHSAS 18001 für Arbeits- und Gesundheitsschutz zertifiziert (der mutmaßlich im Jahr 2017 auch eine DIN EN ISO Norm folgen soll).


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